reportage
Peruanische Grenzerfahrung

Ein Abenteuer am Titicaca-See

In: www.stern.de (09.09.2008)

"Ist das hier Euer Pick-up?"

"Nein, den haben wir in Chile nur angemietet."

"Dann legt ganz schnell den Rückwärtsgang ein und zischt ab nach Bolivien."

"Wie? - Entschuldigung, aber was soll das denn heißen?"

"Mietfahrzeuge können nicht nach Peru eingeführt werden, nur eigene Pkws."

"Ja klar, ich verstehe, natürlich darf kein Mietauto die Grenze überqueren - es sei denn, man hat eine Genehmigung von der Mietfirma. Und die habe ich: Hier bitte." Ich halte dem Zollbeamten das notariell abgesegnete Dokument unter die Nase. Der winkt gleich ab.

"Vergesst es. Ein Mietwagen kommt hier nicht rein, ya basta."

Ich verdrehe die Augen. Sind wir unvermutet an eine Außenstelle des westeuropäischen Schmalspurbürokratismus geraten? Um keinen unnötigen Streit zu provozieren, ziehe ich es vor, mich in der Einwanderungsbehörde auf der anderen Straßenseite nach der Rechtslage zu erkundigen: "Wissen wir nicht", lautet dort die Antwort, "das ist nicht unser Aufgabenfeld." Allerdings besitzen die drei urteilssicheren Ordnungshüter immerhin die Sachverständigkeit, uns die Durchwahl der Touristen-Information in Puno, der nächsten größeren Stadt, zu vermitteln.

Ich läute jedoch zuerst bei der deutschen Botschaft in Lima Sturm. - Ein Anrufbeantworter. Das zweite Ferngespräch mit dem Honorarkonsul in Arequipa: "Nun, hm, also was Ihren Fall betrifft, da bin ich wirklich überfragt." - Mehr könne er mir nicht raten? Ob er mir vielleicht wenigstens die Notnummer der Botschaft verraten würde? - "Nein, die hab' ich leider nicht. Sie rufen ja schließlich bei mir zu Hause an. Die Adresse von Lima liegt in meinem Büro."

Hocherfreut und verzweifelt über die monumentale Hilfsbereitschaft deutscher Auslandsvertretungen schleime ich zurück zum zähnebleckenden Zollkrokodil und kleistere ihm Kandishonig um den Schlund: "Hören Sie, werter Herr... Sie allein besitzen die uneingeschränkte Macht, uns zu helfen. Wer interessiert sich schon im Landesinneren dafür, ob wir mit Mietwagen unterwegs sind oder nicht?"

Das wäre ja noch schöner! Wenn einer von der Straßenpolizei genauer nachprüfen würde, dann fände man seine Unterschrift auf dem Zollformular, und dann würden sie ihn diffamieren und degradieren und im schlimmsten Fall verlöre er sogar seinen Job. Nein, da mache er unter keinsten Umständen nicht mit.

Ich bete zu den Touristen-Samaritern in Puno. Die apathische Nixe an der Hotline hat selbstverständlich nicht die leiseste Ahnung, erklärt sich aber bereit, für uns direkt in der Zollhauptstelle nachzuhaken. Fünf Minuten später erfahre ich, dass die Zollchefin gar nicht verstehe, worin das Problem liege; natürlich seien ausländische Mietwagen in Peru erlaubt, man benötige lediglich die besagte Vollmacht von Seiten des Autoverleihers.

Zurück zum zickerigen Zachäus: "No! No!! No!!!" Ich beschwöre ihn, selbst nach Puno zu telefonieren und es von Frau Zolloberstabsgeneral persönlich ins Ohr gefispelt zu bekommen. Das tut er auch. Als die Omnimpotente endlich am Apparat ist, knallt dieser sophistische Schafbock ihr tatsächlich einige Absätze aus dem peruanischen Zollcodex an den Giebel und erklärt ihr, dass sie juristisch gesehen in der kärgsten Puna herumirre, er hingegen als treuer Diener des Staates dem leuchtenden Pfad des Gesetzes folge und nur seine Pflicht tue.

Ich siede vor Wut wie ein Coca-Tee. Als das kratzbürstige Kamel den Hörer aufbügelt, kommt ein zweites ordentragendes Kirchenlicht ins Zimmer getrottet. Es lässt sich die Situation beleuchten. Dann sagt es: "Nein, mein Herr, der Kollege hat vollkommen recht, mit einem Mietwagen können Sie unmöglich in peruanisches Hoheitsgebiet einreisen."

Mir platzt der Kragen. Als ich den beiden je fünf Dollar anbiete, springen sie mir fast ins Gesicht. - Zwei unterbezahlte südamerikanische Staatsdiener, und nicht einmal bestechlich sind sie! Mit Flüchen und Verwünschungen rausche ich aus dem Schuppen. "Respeto!" (Respekt!) und "Tranquilo!" (Beruhige Dich!) brüllen sie mir nach, als ich tollwütig geifernd ins Auto steige und den Motor aufheulen lasse.

Dass der Grenzposten drüben auf bolivianischer Seite eigentlich bereits Feierabend gemacht hat, kann uns nicht mehr wirklich aus dem Konzept bringen. Einen Dollar lassen wir uns das blassblaue "NULO" kosten, das der barmherzige Schrankenwart über die Ausreisestempel drückt.

***

Der abgespannte Polizist in der mit einer rußigen Ölfunzel beleuchteten Wachkajüte am Ortsausgang von Copacabana - der ersten größeren Siedlung auf bolivianischer Seite, wo wir übernachtet haben - traut seinen verquollenen Augen kaum, als um 5.45 Uhr morgens noch bei völliger Dunkelheit zwei Gringos in chilenischem Pick-up den Schlagbaum passieren wollen. Im Morgengrauen setzen wir mit der ersten Fähre über den Titicaca-See, streifen nach drei Stunden El Alto, die Oberstadt von La Paz, und gegen neun Uhr erreichen wir Desagüadero: ein zweiter bolivianisch-peruanischer Grenzübergang.

Zwar hatte man uns in Copacabana versichert, dass hier wegen der vielen internationalen Lastwagen und schmuggelnden Indios noch weitaus schärfer kontrolliert würde, aber trotzdem wollen wir es ein zweites Mal riskieren. Die bolivianischen Behörden wundern sich nicht im Geringsten über unsere "NULO"-Stempel von der gestrigen Wiedereinreise.

Nun mit Herzklopfen hinüber nach Peru... Zuallererst holen wir uns die Touristenvisa im Migrationsamt; falls wir nämlich danach bei den Zöllnern erneut einen Stall voller Sturhammel antreffen sollten, könnten wir zumindest auf die monströsen Umständlichkeiten pochen, die allein mit der Stornierung dieser Passvermerke entstehen würden.

Gerade erst geöffnet, herrscht schon chaotischer Hochtumult im Zollgebäude - könnten wir Dusel haben? Obwohl vor unseren Augen ein zwielichtiger Truckfahrer mit gefälschten Papieren an die Luft gesetzt wird und ich längst befürchte, die komplette Zollkompanie mit hundert Dollar schmieren zu müssen, will ich dennoch versuchen, das am vorigen Abend im Hotelzimmer ausgeheckte Täuschungsmanöver in die Tat umzusetzen: Als wir an der Reihe sind, beschränkt sich mein Spanisch-Vokabular plötzlich auf "Buehnos tias" und "gratzjas", die Verben benutze ich nur im Infinitiv, werfe englische Wörter dazwischen und vertausche alle Artikel.

"Die Wagenpapiere!"

Ich mime den Verständnislosen, grinse den Peruaner einfältig an und nicke stirnrunzelnd. Er deutet auf den Papierwust in meiner Hand. - "Aaah, dokjumentasjon, yes."

"Ist das hier Euer Pick-up?"

"Äh, ja, meine Auto, chilenisch, in Santiago gekaufen, ja, ja." Die Ausfuhrgenehmigung habe ich natürlich im Handschuhfach gelassen. Der uniformierte Uhu schielt mit übergewichtiger Miene die Zettel an und sagt dann: "Bien, todo bien." Alles bestens, also. Ein zweiter Herold der zolltechnischen Fachkompetenz reicht mir die Vordrucke zum Ausfüllen, ein dritter schaut mir über die Schultern und lenkt meine Gedanken, wenn der schmierige Dienstkugelschreiber in meinen Fingern zu stocken scheint. Die vor uns auf dem Tisch ausgebreiteten Papiere schreien groß und deutlich: "Besitzer: Scheelmann Rent a Car". Folgen der sauerstoffarmen Höhenluft, denke ich insgeheim. Als ein vierter Paragraphenpiranha beim Abtippen meiner Aufzeichnungen fragt, wo denn mein Name auf der Versicherungskarte zu finden sei, erkläre ich mit Händen und Füßen, dass dort in Chile niemals der Name des Fahrzeughalters draufstehe, sondern stets nur die Autonummer, und er glaubt mir das.

Zehn Minuten später habe ich Wisch und Stempel, und wir dürfen gehen. Als letzte Hürde müssen wir Formulare inklusive Reisepässe von der Staatspolizei überprüfen lassen - auch das ist okay. Ich spreche inzwischen wieder fließend Spanisch, beflöte den leutseligen Schutzmann mit einer Ruhmeshymne auf die hinreißende Schönheit Perus und die phänomenale Gastfreundschaft seiner Bewohner. Dann sitzen wir endlich im Auto, brausen aus dem Grenzort hinaus und sind in Peru - geschafft!

So vollkommen unkompliziert und kinderleicht funktioniert ein lateinamerikanischer Grenzübergang...

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