reportage
Geistestester

[Porträt von Klaus Nixdorf]

In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (18.11.2005)


"Einer meiner besten Freunde noch aus Urwaldtagen wollte zuerst auch mitfahren. Als er aber hörte, dass wir sogar Kolumbien durchqueren, da hat er kalte Füße gekriegt. Ist ihm viel zu gefährlich. Mit dem riesigen Bus schnappen uns doch die Guerillas, meint er. - Kann schon sein, dass wir mal entführt werden, antworte ich ihm."

Klaus Nixdorf kennt weder Furcht noch Grenzen, wenn es um sein Lieblingsthema, das Reisen, geht. Der Unternehmer sitzt in seinem Büro in Londrina und träumt vom großen Abenteuer. Londrina ist eine Stadt in Südbrasilien, etwa 500 km von São Paulo entfernt, im Norden des Bundesstaats Paraná fast genau auf dem Wendekreis des Steinbocks gelegen.

"Kaum vorstellbar", sagt Nixdorf und deutet aus dem Fenster auf die imposante Skyline der Stadt, "dass hier vor ein paar Jahrzehnten noch alles unberührter Dschungel gewesen ist. Englische Kolonisationsgesellschaften haben das Gebiet in den dreißiger Jahren urbar gemacht, und in den Fünfzigern ging dann der Kaffeeboom los, der die Gegend heute zur landwirtschaftlich ertragsreichsten und stärksten in ganz Brasilien, vielleicht sogar in ganz Südamerika gemacht hat."

Das ehemalige Hüttendorf im Tropenwald entwickelte sich innerhalb von nur 75 Jahren zu einer pulsierenden 600.000-Einwohner-Metropole. Nixdorf - nur vier Jahre jünger als Londrina selbst - hat vor kurzem das Geschichtsbuch seiner brasilianischen Heimat herausgebracht. Kein Wunder, dass ihm das Thema so sehr am Herzen liegt: Sein Vater - ein gebürtiger Bremer - war einer der Gründer der Stadt.

"Trotz all diesen Reichtums gibt es hier in Nord-Paraná aber noch immer ein gewaltiges Wirtschaftspotential, das noch gar nicht ausgeschöpft ist. Der Brasilianer ist von Natur aus ein Ideen-Champion, bloß ist er meist zu träge oder einfach nur unfähig, einen Projektvorschlag zu formulieren, und am Ende gehen die tollsten Einfälle alle den Bach hinunter."

Um dem sinnlosen Verwelken dieser Geistesblüten entgegenzusteuern, hat Nixdorf daher eine Initiative ins Leben gerufen, mit welcher er seine kreativen Landsleute bei der Niederschrift ihrer Inspirationen orientieren und diese Konzepte dann nach einer genauen Prüfung durch Experten in einer Datenbank systematisieren will.

Nixdorfs wirtschaftliches Interesse an der Region kommt nicht von ungefähr: Nach einem Agrarwissenschaftsstudium in den Vereinigten Staaten schwang er sich in den sechziger Jahren zum Pionier der landwirtschaftlichen Mechanisierung in Nord-Paraná empor.

Der deutsch-brasilianische Alt-Manager will aber noch lange nicht aufhören. "Für die ganzen Projekte brauchen wir natürlich ein Aushängeschild; sozusagen ein Wegweiser für Personen, die in Brasilien investieren wollen, aber auch um zu zeigen, wie weit wir in der vermeintlichen Dritten Welt doch gekommen sind. Wie könnte man also am besten auf dieses besagte Potential hinweisen? - Die Lösung war das Geschichtsbuch."

Buch und Projekte allein bringen jedoch wenig: Das gesammelte Ideengut muss irgendwie der internationalen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ausgehend von einer sensationellen Reise, die Nixdorf im Anschluss an seinen USA-Aufenthalt im Jahre 1959 unternommen hatte, nämlich mit dem eigenen Auto von Wisconsin bis nach Londrina zu fahren, kam ihm die visionäre Erleuchtung, wie er sein Land Brasilien in die Welt hinaustragen könnte: "América Unida" - das "Vereinte Amerika".

Nixdorf plant eine sechsmonatige Reise durch alle 36 Staaten des Doppelkontinents, wobei er immer drei Tage in den jeweiligen Hauptstädten verbringen will, um mit Vorträgen und Informationsmaterial vor Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Sozialwesen Werbung für Brasilien zu machen und zu engerer Zusammenarbeit in Amerika aufzurufen.

"Schon während meiner Zeit in den USA habe ich festgestellt, dass zwischen den einzelnen Ländern Amerikas überhaupt keine richtige Beziehung existiert. Bis heute hat sich daran auch nicht allzu viel verändert. Und genau da werden wir ansetzen."

Mit einem zum Wohnmobil umgebauten Reisebus will Nixdorf die Panamericana erobern. Auf einem Anhänger wird noch ein Kleinbus mitgenommen, um auch die allerletzte Schotterpiste in den Zentralanden hinaufzukommen. Einem festen Team aus neun Personen, welche die ganze Tour über dabei sind, schließen sich immer drei "Volontäre" an, die von Land zu Land wechseln und nur Teilstrecken mitfahren. Ein TV-Reporter und ein Kameramann werden vom High-Tech-Büro im Bus aus jeden Sonntag eine Zusammenfassung der vergangenen Reisewoche an den brasilianischen Fernsehkanal Globo senden.

"Brasília ist Start- und Zielpunkt der Reise. Wir fahren zuerst über Paraguay und Uruguay runter nach Buenos Aires, kreuzen die argentinische Pampa Richtung Santiago de Chile, und von dort aus gondeln wir die Andenstaaten hoch bis an die Karibik. Über Zentralamerika und Mexiko gelangen wir in die USA und Kanada. An der Ostküste entlang geht es über New York und Washington nach Florida. Dort verschiffen wir die Busse, schauen auf den Bahamas und in Kuba vorbei und klappern dann die kompletten Antillen ab, um in Venezuela wieder das Festland zu betreten, die Guayanas mitzunehmen und zuletzt quer durch Amazonien nach Brasília zurückzukehren."

Und wie soll der Mammut-Trip eigentlich finanziert werden? Mercedes-Benz stellt mit großer Wahrscheinlichkeit den Reisebus zur Verfügung. Sehr interessiert zeigt sich auch Petrobras; das brasilianische Petrochemie-Unternehmen hat ein neues Motorenöl entwickelt, das sich noch im Teststadium befindet. 40.000 km muss es halten - zwei Drittel der Strecke, die Nixdorf zurücklegen will. Auch der Rotary-Club möchte sich großzügig beteiligen.

Aber diese drei Kontakte reichen natürlich noch lange nicht: "Ungefähr eine halbe Million Euro müssen wir zusammenbringen." In São Paulo hat Nixdorf daher ein Büro eingerichtet, wo ein Agent derzeit für ihn auf Sponsorenjagd geht.

"América Unida" ist nach Nixdorfs Plänen aber noch lange nicht die Krönung seines Lebenswerks, sondern erst eine weitere Stufe hinauf zum Thron: "United World" schwebt als Endziel vor seinem geistigen Auge. Unter diesem magischen Namen will er zunächst als Begleitprodukt der Amerika-Reise eine weltumspannende Abenteurer-Organisation gründen, welche die Mitfahrer, Volontäre und alle weiteren interessierten Globetrotter zusammenschließt. Am Ende steht dann vielleicht - die Weltreise! Eine gigantische Busfahrt über alle Kontinente der Erde...

"Von der Allgemeinheit werde ich generell als komplett verrückt bezeichnet", grinst Nixdorf spitzbübisch. "Größenwahnsinnige Flausen hätte ich im Kopf, wo überhaupt nichts dahintersteckt. Ich lasse die Leute reden. In den fünfziger Jahren habe ich schon mal so eine Tour überlebt - warum soll das jetzt nicht ein zweites Mal klappen?"

Möge sich denn Klaus Nixdorf seinen großen Traum verwirklichen. Mal sehen, ob er auch auf Tuchfühlung mit den Guerilla-Einheiten und Paramilitärs kommt.

Informationen: América Unida (auf Portugiesisch, Spanisch und Englisch).
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