Auf der Rüttelpiste

Eine Autofahrt durch die Anden
führt über öde Ebenen zu den
höchsten Gipfeln Amerikas
In: Süddeutsche Zeitung
(04.05.2006)
Bloß wieder lebend von
diesem Pass herunterkommen...
Dieser Gedanke schießt einem durch den Kopf, wenn man die
rauschenden Wasser einer weiteren Furt mit dem Pick-up
zerpflügt. Der von der mineralienhaltigen Erde in vielen
Ocker- und Brauntönen blutende Gletscherbach scheint von Mal
zu Mal immer tiefer und steiniger zu werden. Bisweilen schwappt das
trüb-lehmige Wasser sogar über die
Kühlerhaube und spritzt zinnoberrote Tränen an die
verstaubte Windschutzscheibe. Überall dort, wo die enge und
gewundene Hochgebirgsschlucht das Flussbett zu einer scharfen Kurve
zwingt, stauen sich körnige Eisschollen und begraben unter
sich die am Bachrand sprießenden
Büschelgräser und Moose, die letzten Fragmente
organischen Lebens.
So gestaltet sich die Lage in etwa 3500 Metern Höhe auf einer
gottverlassenen Schotterpiste mitten in den Zentralanden. Anvisiertes
Ziel: das Dach Amerikas. Hier, in den Provinzen La Rioja und Catamarca
im Nordwesten Argentiniens, türmt sich das steinerne
Rückgrat des Kontinents zu seinen gewaltigsten Gipfeln empor;
hier, im Grenzbereich zu Chile, stößt man auf das
höchste Gebiet außerhalb des Himalajas. Fernab aller
konventionellen Touristenwege, in einer der am schlechtesten
erschlossenen und am wenigsten bekannten Gebirgsregionen
Südamerikas, erwartet den Reisenden eine der
überwältigendsten Naturlandschaften der Erde.
Zum Pircas-Negras-Pass haspelt sich die fragile Spinnenwebe der
Zivilisation, eine von nur zwei mühevoll der unwegsamen
Umgebung abgerungenen, notdürftig in die schroffen
Berghänge und zerklüfteten Täler
hineingescharrten Trassen, welche über die zyklopische
Gebirgsbarriere von Argentinien nach Chile führen.
Villa Unión, ein kleines argentinisches
Provinzstädtchen, ist Ausgangspunkt dieser
Hochanden-Expedition. Vor anderthalb Jahren erst wurde das Nest aus
seinem Dauerschlaf geweckt. Seither kommen fast täglich immer
neue Fünf-Sterne-Reisebusse aus Buenos Aires, Rosario oder
Córdoba angerauscht mit verwöhnten Touristen, die
im brandneu hier errichteten Luxushotel die Nacht verbringen. Am
folgenden Tag wird man das Valle de la Luna oder den Talampaya-Canyon
besichtigen. “U-Boot”, “Pilz”
und “Sphinx” sind nur drei jener seltsamen, von
Wind und Wetter modellierten Steingebilde, die in jedem Reiseprospekt
vermarktet werden. In Erwartung all dieser bekannten
Natursehenswürdigkeiten nehmen ihn die meisten gar nicht erst
wahr: jenen in weiter Ferne am Ende des Tals flimmernden,
majestätisch sich noch weit über den wü stenhaft-kargen
Hauptwall der Anden hinausreckenden Eisgiganten, den fast 7000 Meter
hohen Vulkan Bonete.
Selbst wenn man als gruppenscheuer Individualreisender und
Berg-Enthusiast gerne einen Ausflug dorthin unternehmen wollte,
würde man die Idee nach einem Blick auf die Landkarte doch
schnell wieder aufgeben: Eine akzeptable Teerstraße
führt zwar bis zu der siebzig Kilometer nördlich von
Villa Unión dahindämmernden Ortschaft San
José de Vinchina; eine weitere gestrichelte Linie
schlängelt sich von dort aus noch einmal vierzig Kilometer gen
Westen, endet aber dann im Nichts... viel zu weit noch von dem
Bergriesen entfernt.
Nur die Einheimischen wissen, dass es trotzdem noch weitergeht: Auf
uralten Pfaden gelangt man durch die Anden hinüber zum
Pazifik. Im vorigen Jahrhundert wurde der Gebirgspass vor allem von
Hirten benutzt, die auf ihm Rinder und Schafe ins benachbarte Chile
trieben.
Zeugnis dafür, dass die Geschichte dieses vom Massentourismus
noch unentdeckten Transandenwegs sogar bis in
präkolumbianische Zeit zurückreicht, ist ein
mysteriöses Relikt vergangener indigener Kulturen am
Ortsausgang von Vinchina. Links der Straße sieht man einen
von sechs in dieser Gegend gefundenen, nach den hier lebenden
Ureinwohnern benannten “Diaguita-Sternen”:
kreisförmige, künstliche Hügel aus roter
Erde, auf die mit violetten, schwarzblauen und weißen Kieseln
ein sternförmiges Mosaik gelegt wurde. Die Funktion dieser
vielleicht tausend Jahre alten, über zwanzig Meter langen
Plattformen ist unbekannt; wahrscheinlich waren sie Gebets- oder
Opferstätten.
Wer heutzutage mit dem Auto nach Chile fahren will, dem empfiehlt sich
dringlichst, in Vinchina nochmals nachzutanken und am besten auch - da
der Motor auf solch extremen Höhen wesentlich mehr Treibstoff
verbraucht - zur Sicherheit einen Ersatzkanister mitzunehmen; die
nächste Tankstelle kommt erst nach fast vierhundert Kilometern
in der chilenischen Wüstenoase Copiapó. Ein
Fahrzeug mit Allrad-Antrieb ist nicht unbedingt verpflichtend, kann
aber durchaus von Vorteil sein, besonders nach heftigem Schneefall im
Winter oder wenn man Routen abseits der Hauptstrecke erkunden will.
Seit einem guten Jahrzehnt heißt es zwar, dass die
Passstraße endlich für den modernen Verkehr
ausgebaut und asphaltiert werden soll, aber bis heute hat sich - wie
meist bei großartigen Versprechungen in Südamerika -
noch nichts getan. Schlecht für das internationale
Transportwesen, aber ein wahres Paradies für den
tollkühnen Off-Road-Freak.

Das Abenteuer beginnt gleich hinter dem besagten Diaguita-Stern: Nach
der ersten Flussüberquerung holpert man auf
erbärmlicher Rüttelpiste hinein in den
Cordón de los Colorados. Durch dieses schorfige Vorgebirge
hat sich der mit Schmelzwässern aus den Anden
genährte Río de la Troya eine atemberaubende
Schlucht gefräst. An einer Stelle beschreibt der Fluss eine
Hundertachtzig-Grad-Drehung und lässt in der Mitte eine
kühn gezackte Insel aus Jahrtausende alten Erdschollen stehen.
Noch spektakulärer, ein geradezu übersinnlich
anmutendes Phänomen, ist ein paar Minuten weiter eine sich
farblich vom übrigen Gestein deutlich abhebende,
ebenmäßige und glatte Felsplatte, die doch
tatsächlich die Form einer perfekten Pyramide aufweist!
Mitten in einer zwischen dem Los-Colorados-Kamm und der eigentlichen
Anden-Hauptkette sich ausbreitenden, staubigen Ebene gelangt man in das
aus wenigen Lehmhütten bestehende Dorf Alto
Jagüé. Hauptstraße ist - man will es kaum
glauben - das körnige Bett eines ausgetrockneten Flusses, das
sich bei den sommerlichen Regenfällen mit Wasser
füllt und immer tiefer ausgehöhlt wurde, so dass es
heute drei Meter unter dem Niveau der Häuser verläuft.
An der dortigen Grenzstation eine Warnung: Von Juni bis Oktober - also
im Winter der südlichen Hemisphäre - bleiben die
Andenpässe offiziell gesperrt. Keine Straße sei in
dieser Zeit des Jahres passierbar, belehrt der Zöllner.
Außerdem gebe es in Alto Jagüé nur
Maultiere, und mit denen brauche man Tage, um im Notfall zum Pass
hinaufzukommen.
Das Risiko lohnt sich trotzdem: Zur Laguna Brava soll es gehen, einem
auf über 4000 Metern Höhe am Fuß jenes
Vulkans Bonete liegenden Gletschersee. “Brava”, das
heißt auf Deutsch “wild” oder
“stürmisch”, wurde der See einst von den
abergläubischen Viehtreibern getauft, weil er aus
Ärger über die Gegenwart von Fremden angeblich immer
Schnee- und Hagelstürme heraufbeschwörte. Vor zwanzig
Jahren hat man die Umgebung dieses legendenumwobenen Gewässers
zum Schutz seiner vielen dort lebenden Vicuñas - den
graziöseren Verwandten des Lamas - zum Naturreservat
erklärt. Der Pircas-Negras-Pass durchquert das Gebiet und
markiert zugleich die Südgrenze jener Zone, welche einen
bedeutenden geographischen Knotenpunkt bildet: Die sich bei Feuerland
im äußersten Süden des Kontinents
luftschöpfend aus den sturmgepeitschten Fluten des Atlantiks
erhebenden Anden teilen sich hier in eine Ost- und Westkordillere, um
zwischen sich einer “Puna” oder
“Altiplano” genannten Hochebene mit
unzähligen Salzseen Platz zu machen.
Nicht ganz unbegründet scheint der nachdrückliche
Ratschlag der Grenzwächter gewesen zu sein. Je weiter man in
die abweisende Ungewissheit der Anden vorstößt, je
höher man sich auf dem gewundenen Sc hotterband
hinaufschraubt, desto beunruhigender und aufreibender wird die
Szenerie: In großer Höhe bricht ein Klotz aus der
Wand und entfesselt eine Lawine, die ihr dumpf-bröckelndes
Echo an den entseelten Bäuchen ihrer stummen Nachbarn
widerhallen lässt. Immer unangenehmer werden auch die
Sandlöcher, in denen das Auto mit durchdrehenden Reifen
stecken zu bleiben droht.
Hinter dem Refugio El Peñón, einem der steinernen
Schutzquartiere, die im 19. Jahrhundert von der argentinischen
Regierung als Unterschlupf für die Hirten gebaut wurden, geht
es steil bergauf. Das Farbspektrum der Berge wird immer
verrückter, unwirklicher, eine Illusion, ein
Höhenrausch: dunkelrot und kaffeebraun,
preußischblau und schwefelgelb, aschgrau und
graugrün und violett, alles verwaschen, sandig, unnahbar.
Der Motor röhrt lauter. Das Getriebe zuckt. Ein dumpfer Druck
im Gehirn. Das Herz klopft schneller. Immer schmaler und
brüchiger wird der Weg, immer enger klammert er sich am
abschüssigen Berghang fest.
Nach der tausendsten Serpentine dann unermesslich weite, mit Neuschnee
beträufelte Schutthalden, die sich in sanft-flaumigen Wellen
wie ein Meer aus Stein bis in endlose Ferne zum tiefblauen, fast
wolkenlosen Horizont ausdehnen. Aber noch immer ist der See nicht in
Sicht...
Doch plötzlich - noch einen letzten Buckel hinauf, noch einen
Atemzug höher, dann ist er erreicht, Portezuelo El
Peñón, die erste Passhöhe, und - da! Da
drüben winkt ihr greller Schimmer: die Laguna Brava, das
heiß ersehnte Wasser, ein langgestreckter, blendend
weißer Spiegel. Aber sie ist nur der Auftakt zu jener
sagenhaften, furchterregenden Silhouette im Hintergrund: Dort spannt
sie sich zum Firmament, die monumentale Kulisse aus Fels und Schnee,
ein Hochgebirgspanorama der Superlative: Bonete, Pissis, Reclus, Los
Gemelos und allen voran, der elegante Kegel des Veladero -
fünf der mächtigsten Vulkane des Planeten, ein jeder
mehr als sechstausend Meter hoch. Zusammen mit zehn weiteren
Sechstausendern in Catamarca und Chile - sieben der fünfzehn
höchsten Gipfel Amerikas - bilden sie jene phantastische, mit
dem Verstand nicht erfassbare, vom ewigen Eis ummantelte Krone, deren
bombastischste Zacke im Ojos del Salado die Grenzen der
Atmosphäre streift, ein unbekannter Riese, welcher nach
neuesten Satellitenmessungen dem Aconcagua als höchstem Berg
der Westhalbkugel den Titel streitig macht.
4300 Meter über dem Meeresspiegel - fast so hoch wie das
Matterhorn - sind an der Laguna Brava aber noch lange nicht der
Schlussakkord: Richtung Norden ginge es jetzt, über Stock und
Stein, ohne Wegweiser und Straßen ,
nur dem Orientierungssinn nach - noch einmal vierzig Kilometer weiter,
noch einmal 1200 Meter höher, um den Himmel wahrhaftig mit den
Händen zu greifen... Dort oben, im Zentrum des von Veladero,
Bonete und Pissis gebildeten Dreiecks, öffnet sich eine fast
kreisförmige, fünf Kilometer breite Depression. Es
ist ein vor Urzeiten durch eine vulkanische Explosion entstandener
Krater, in dem sich türkisfarbenes Schmelzwasser gesammelt
hat: die sagenhafte Corona del Inca, die “Krone des
Inka”.
Auch noch dort hinauf? - Völlig allein und sich selbst
überlassen in der menschenfeindlichen Einsamkeit der
Hochanden... Ein steifer Wind schneidet mit frostigen Messern ins
Gesicht. Weit vorne die graublauen, verächtlich
herüberblickenden Kolosse der Anden, in drohendem,
eindringlich mahnendem, eisigen Schweigen. Die erbarmungslos
gleißende Hochgebirgssonne schmerzt in den Augen. Vierzig
Kilometer ins weglose Nichts, immer nur dem Himmel entgegen. Bleibt man
beim Überqueren der Geröllfelder stecken, so droht
eine fatale Nacht bei minus dreißig Grad Celsius oder gar
noch viel weniger. Das Benzin wird beim Heizen der Fahrerkabine
ausgehen, und die beiden Ersatzkanister halten auch nicht ewig...
Die letzten Strahlen des Tages werden bereits von den höchsten
Andenspitzen zurückgedrängt, wenn der Reisende die
Vorkordilleren hinter sich lässt und den menschlichen
Siedlungen wieder in greifbare, vertraute Nähe kommt, freudig
bewegt und erleichtert, dem unbarmherzigen, ungnädigen,
unverzeihlichen Reich des tückischen weißen Todes
noch einmal unversehrt entronnen zu sein.
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