reportage
Das Salz des Himmels

Eine Fahrt durch die Anden-Hochebene von Chile über Argentinien nach Bolivien

In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (16.03.2006)

Eine schnurgerade Straße zieht sich durch die topfebene Landschaft Richtung Horizont. Rechts und links sind in der Ferne flimmernde Bergketten zu sehen. Bisweilen ragen isolierte Hügel und ganze Höhenzüge wie Inseln aus dem flachen Land heraus. In Mitteleuropa kennt man solche Ebenen eigentlich nur vom Küstentiefland; hier allerdings befinden wir uns fast 4.000 Meter über dem Meeresspiegel, also noch gut einen Kilometer höher als Deutschlands höchster Gipfel, die Zugspitze.

Es ist die Rede vom "Altiplano", jener weiten Hochebene, die ins Herz der südamerikanischen Anden hineingebettet ist. Im Gebiet des San Francisco-Passes, etwa 700 Kilometer nördlich der chilenischen Hauptstadt Santiago, spaltet sich das steinerne Rückgrat des Kontinents in zwei Teilketten auf: die Ost- und die Westkordillere. Letztere zieht sich parallel zur Pazifikküste gen Norden, die Ostkordillere dagegen beschreibt einen weit geschwungenen Bogen Richtung Atlantik, ehe sie sich in Peru wieder mit der Westkordillere vereinigt. Zwischen beiden Gebirgszügen dehnt sich jene in Chile und Argentinien auch "Puna" genannte Hochfläche über mehr als 100.000 Quadratkilometern aus - größer als Baden-Württemberg und Bayern zusammen.

Monumental sind schon die felsigen Umgrenzungen dieser Puna: Die Westkordillere, eine unwirtliche, von graubraunen Sandstürmen durchfegte Tundralandschaft, gleicht einem gigantischen Bollwerk, geschaffen aus zyklopischen Vulkankegeln. In ihrer vermeintlich sterilen, nur in den tieferen Lagen spärlich mit Büschelgras bewachsenen Erde lagern unermessliche Reichtümer: Die weltgrößten Kupferreserven, daneben Salpeter, Wolfram, Zinn und Silber - zweifelhafte Herausforderungen des Schicksals, die immer wieder glücksuchende Abenteurer in diesen lebensfeindlichen Winkel des Planeten verschlagen. Aber auch eine Jahr für Jahr steigende Anzahl von Fernreisenden zieht es ins ockerfarbene Nichts: Der mit Schnee wie mit Staubzucker beträufelte Lavakonus des Licancabur am Rand der Atacama-Wüste, die vielfotografierten Zwillingsvulkane Pomerape und Parinacota im chilenischen Lauca-Nationalpark sowie der unmittelbar hinter diesem Paar sich aufwölbende Eispfropfen des Sajama, des "Heiligen Bergs" Boliviens - alle vier gehören zu den touristischen Hauptmagneten der Region.

Die meisten dieser Feuerberge sind schon vor langer Zeit erloschen; Aufwallungen aus dem Erdinneren bekommt man heutzutage eher anhand zahlreicher, in den Spalten und Tälern zwischen den Bergriesen brodelnder Geysire zu spüren. Ein Musterexemplar dieser heißen Quellen ist El Tatio, das in der Nähe der chilenischen Wüstenoase San Pedro de Atacama gelegene, höchste Geysirfeld der Erde. Mitten in der Nacht muss man San Pedro verlassen, um noch vor Sonnenaufgang bei den in einem abgeschiedenen Hochbecken gluckernden, von bizarr geformten Sinterkrusten umrahmten Siedetöpfen anzukommen. Wenn Himmel und Erde noch in geisterhaft-glasiger Dämmerblässe schlummern, scheint nämlich die Dampfbildung der Geysire am stärksten zu sein. Es ist ein wahrhaft atemberaubendes Naturspektakel, bei unmenschlicher Kälte dick eingemummt zwischen den milchigen Schwaden zu stehen und plötzlich vor sich die Wasserfontänen in einem ohrenbetäubenden Zischen explosionsartig nach oben schießen zu sehen.

Spätestens auf der mittäglichen Rückfahrt nach San Pedro wird man erstmals den bekanntesten Andenbewohner, das Lama, zu Gesicht bekommen. Zusammen mit dem wolligeren Alpaka und dem grazileren Vicuña gehört es zur Gattung der Neuwelt- oder Schafkamele, welche noch durch das Guanako in Patagonien ergänzt werden. Die berühmte Spucke stammt hierbei ausschließlich vom Lama: Wenn ihm irgend etwas nicht passt und es seine Ohren ganz flink nach hinten legt, heißt es rennen. Heute als Lasttiere und zur Wollproduktion gezüchtet, sind Lamas und Alpakas grundlegendes Kapital und somit Stolz jedes Hochlandbauern.

Das als Hippie-Hochburg bekannte und mittlerweile zum internationalen Backpacker-Treff aufgestiegene San Pedro de Atacama (welches abgesehen von drei touristisch aufgemotzten Sträßchen auch weiterhin ein ziemlich trostloser Wüsten-Slum geblieben ist) kann als Ausgangspunkt zu weiteren Hochland-Expeditionen genommen werden.

Eine abenteuerliche Pick-up-Tour führt in die vielleicht großartigste Zone des gesamten Altiplano: der "wilde Süden" Boliviens. Auf erbärmlichen Schotterpisten holpert man zunächst an die Gestade der Laguna Verde, einem smaragdfarbenen See, der sich in den Schatten des Vulkans Licancabur schmiegt. Dieses von rosa Flamingos bevölkerte Gewässer ist Auftakt zu einer ganzen Kette von märchenhaften Hochgebirgslagunen, die sich eingestreut in surrealistische Landschaft (ein Tal wurde sogar nach Salvador Dalí benannt) bis zum Salzsee von Uyuni hinzieht.

Von der Laguna Verde schraubt sich die Piste auf die Sierra de Aguas Calientes hinauf. Hier oben ist Vorsicht geboten, um nicht vom richtigen Pfad abzukommen: Erwischt man die falsche der zig Radspuren, gelangt man nach kurzer Zeit vielleicht an einen Schlagbaum, wo finster dreinblickende Militärs einen schnellstens zur Umkehr anweisen. Hinter einem Hügel sind Fabrikgebäude und rauchende Schlote versteckt. Manchmal wird diese mysteriöse Stätte als geothermisches Projekt, manchmal als Zinkmine bezeichnet. Wenn man in bolivianischen Dörfern nachfragt, weiß jedoch keiner was davon...

Spürt man auf dem Bergrücken dagegen gleich die richtige Abzweigung auf, so erblickt man binnen einer Stunde die verwunschene Laguna Colorada. Ihr durch verschiedene Mineralien je nach Sonnenstand rost- bis blutrot getöntes Wasser und die in ihr schwimmenden weißen Borax-Inseln machen sie zu einer der ungewöhnlichsten Fotomotive der ganzen Anden. Im wahrsten Sinne des Wortes “atemberaubend” ist hernach der Pass auf dem Weg zur Laguna Celeste, der mit über 5.900 Metern als höchste mit einem Auto befahrbare Straße der Welt bezeichnet wird.

Einen Trip dieses Kalibers sollte man allerdings erst dann unternehmen, wenn man bereits ausreichend an die extreme Höhe angepasst ist. Wer zu schnell auf das Altiplano hinaufsteigt und sich dabei auch noch physisch verausgabt, dem droht infolge des Sauerstoffmangels Soroche, die Höhenkrankheit, welche im Ernstfall sogar tödlich enden kann.

Der gesundheitlich für den Organismus eines "Tieflandbewohners" wohl beste Zugang zur Andenhochebene ist der von argentinischer Seite: Hier kann man sich von Ortschaft zu Ortschaft in zuträglichen Drei- bis Vierhundert-Höhenmeter-Schritten pro Tag nach oben arbeiten. Um erst einmal nach Argentinien zu kommen, hat man in San Pedro die Wahl zwischen drei Straßen, die von Chile über die Puna hinüber in das koloniale Schatzkästchen Salta im Nordwesten des "Silberlandes" führen:

Die nördlichste Route, der Jama-Pass, verläuft parallel zur bolivianischen Grenze und erreicht vorbei an Büßerschnee, grünen und pechschwarzen Seen die größten Höhen.

Im Süden sucht sich der Socompa-Pass seinen Weg durch die Einsamkeit - eine Strecke, die man auch mit dem Zug ab Antofagasta, dem Hafen an der chilenischen Pazifikküste, befahren kann. Wer allerdings nicht unbedingt zwei lange Tage im Güterwagen verbringen will, der hatte bis vor kurzem noch die Möglichkeit, von Salta aus einen Teil des Schienenstrangs mit einer treffenderweise "Zug zu den Wolken" getauften Touristenbahn zurückzulegen (nach einem Unfall wurden diese Ausflüge bis auf weiteres eingestellt).

Schnellste Verbindung nach Argentinien ist die mittlere Variante, der Sico-Pass, welcher zugleich mit den abwechslungsreichsten Naturimpressionen aufwarten kann: Nicht weit von San Pedro entfernt schillert hinter einem Hügelkamm eines der glanzvollsten Juwelen der Zentralanden, die Laguna Miscanti. Weiter Richtung Grenze verwandelt sich die Umgebung dann in eine traumhaft-karge Mondlandschaft mit den für die Puna charakteristischen Salzseen. Letztere entstehen, indem sich die Schmelzwasser der Andenberge in den ariden, abflusslosen Senken zwischen ihnen sammeln, dort verdunsten und ihre Salze kristallisieren lassen.

Einmal in Salta angekommen, genießt man neben der günstigen Höhenanpassung auch den Vorteil, auf der Fahrt nach Bolivien gleich noch die Quebrada de Humahuaca mitnehmen zu können, ein tief in die Ostkordillere hineingepflügtes Flusstal, dass bereits in der Inkazeit als wichtiger Verkehrsweg ins Hochland genutzt wurde. Die einzigartige Kombination aus Natur, Kultur und indigener Tradition führte dazu, dass die Schlucht im Jahre 2003 von der Unesco in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Das typisch andine Lehmhütten-Dorf Purmamarca mit seinem pittoresken Sieben-Farben-Berg im Hintergrund, die von Kandelaber-Kakteen flankierte Indianerfestung bei Tilcara, eine groteske, bogen- oder höckerförmige Felsformation namens “Wirbelsäule des Teufels” sowie unzählige Indio-Festivals sind nur einige wenige der Sehenswürdigkeiten des Tals, das aus ethnographischer Sicht bereits dem Kulturraum Boliviens angehört.

Die politische Grenze zu diesem ärmsten Andenland passiert man zweihundert Kilometer weiter bei dem Schmuggler-Nest Villazón. Von hier aus ist es noch eine haarsträubende Tagesreise durch Sandlöcher, Flussfurten und Lehmgruben, ehe man den Salar de Uyuni im Abendlicht glänzen sieht.

Die mit einer Fläche von über 10.000 Quadratkilometern (das entspricht viermal dem Saarland) größte Salzpfanne der Erde ist sogar noch vom Mond aus zu erkennen. Eine Überquerung derselben gehört zu den außergewöhnlichsten Episoden einer Hochanden-Reise: Die hier bereits extreme UV-Strahlung wird durch den weißen Salzboden noch dermaßen verstärkt, dass man ohne Sonnenbrille blind werden könnte. Will man dem Salar-Besuch noch das Sahnehäubchen aufsetzen, dann verbringt man eine Nacht am Südufer im Salzhotel - ein ausschließlich aus Salzquadern errichtetes Gebäude - und besucht am folgenden Morgen die nicht weit entfernt in einer Höhle verborgenen Inkamumien, ehe man die kakteenübersäte Isla del Pescado ("Fischinsel") im Zentrum des Sees ansteuert.

Nördlich dieser weißen Wüste erstreckt sich das eigentliche bolivianische Altiplano. Es ist so flach und landschaftlich unspektakulär, dass man um so überwältigter reagiert, wenn nach einem langen Fahrtag auf geteerten Straßen (nicht mal Autofahren ist mehr ein Abenteuer) plötzlich über die kahlen Ränder der Ebene gewaltige Bergriesen aus Eis und Schnee emporragen: Illampu, Huayana Potosi und Illimani, die Hauptgipfel der Cordillera Real ("Königskordillere"), jener Abschnitt der Anden, wo die ansonsten nicht ganz so eindrucksvolle Ostkordillere ihre mächtigsten, ja geradezu himalajesk anmutenden  Felszacken in den Himmel reckt.

La Paz, Sitz der bolivianischen Regierung (gesetzliche Hauptstadt ist Sucre), ruht in einem von den eisigen Winden des Altiplano geschützten Talkessel zu Füßen dieses Massivs. Unverzichtbar ist hier ein Besuch des höchst originellen Indio-Markts: Haufen mit in der Höhensonne dahingammelndem Fisch, Gemüse, Obst und Backwaren, derbe Säcke mit dem Getreide Quinoa, Bohnen, Mais oder Koka-Blättern, Stapel aus Ponchos und Küchenbesen, Stände mit Schnitzwerk und Körbe voll getrockneter Lamaföten, die man nach indianischem Glauben in die Fundamente eines neuen Hauses einzementieren soll, um so vor bösen Geistern geschützt zu sein.

Interessanter noch als die eigentümlichen Waren sind jedoch deren Verkäuferinnen: die Indio-Frauen vom Stamme der Aymara, welche noch immer an ihrer traditionellen Bekleidung wie vor 300 Jahren festhalten. Mehrere Unter- und Überröcke, Spitzenbluse, Bolero-Jäckchen, knallbuntes Tragetuch für die Last oder das Baby sowie ein Filz- oder Strohhut auf dem zu langen Zöpfen geflochtenen schwarzen Haar - keineswegs die "typisch andine" Tracht, von der viele Reiseführer sprechen, sondern vielmehr Reminiszenzen an die Mode aus dem Spanien des 18. Jahrhunderts, welche König Karl III. den Frauen in der Neuen Welt aufzwang, sofern sie auf dem Markt ihre Erzeugnisse feilbieten wollten.

Die Umgebung von La Paz bietet neben der Besteigung des Chacaltaya, des vielleicht einzigen für Normalsterbliche zu erklimmenden Fünftausenders, auch das unvergessliche Erlebnis einer Mountainbike-Tour auf der gefährlichsten Straße der Welt: Von den Gletschern der Hochanden schlängelt sich eine dramatische Schotterpiste hinab in die tropischen Yungas, jene bewaldeten Osthänge der Anden, die neben den Flusstälern in der Tieflandregion Chapare eines der Hauptanbaugebiete für Koka sind. Das unter den Indios verbreitete Kauen der Kokablätter sollte man auf dem Rücken der Drahtesel angesichts seiner beduselnden Wirkung lieber sein lassen, sonst geht es einem am Ende genauso tragisch wie den jährlich etwa fünfzig Autos und Lastwagen, welche hier die teilweise Hunderte von Metern senkrecht abfallenden Gebirgswände hinabstürzen.

Die neben der geheimnisvollen Inkastadt Machu Picchu wohl bekannteste Attraktion des gesamten Andenraumes, der Titicaca-See, liegt nur drei Autostunden von La Paz entfernt. Er bildet das nördliche Ende des Altiplano. Von den Hügeln um den Wallfahrtsort Copacabana erhascht man den grandiosesten Blick auf dieses gewaltige Andenmeer und sein intensives Farbenspiel, das vom Tiefblau des Wassers bis zum jungfräulichen Weiß der Eisgiganten im Hintergrund reicht.

Dass die Ufer des Titicaca-Sees schon seit dem Altertum besiedelt sind, bezeugen verschiedene Ruinenstätten, von denen Tiahuanaco, die Reste einer der ältesten, noch vor unserer Zeitrechnung entstandenen Zivilisationen Amerikas, sicherlich die bedeutendste ist. Nachfahren eines anderen uralten Volkes, die Uro, kann man heute noch auf ihren schwimmenden, aus Binsen geflochtenen Inseln vor der Küste der peruanischen Stadt Puno besuchen.

In Copacabana, der Heimstatt einer wundertätigen Schwarzen Muttergottes, welcher der gleichlautende Strand in Rio de Janeiro seinen Namen verdankt, bucht man die Schiffsausflüge zur idyllischen Sonneninsel. Die Legende besagt, dass hier Manco Capac und Mama Ocllo, die Gründer der Inka-Dynastie, vom Sonnengott zur Erde gesandt wurden. Der sagenhafte Schatz der Inkas, der im See versenkt sein soll (sozusagen eine altamerikanische Version des Nibelungenlieds), ist allerdings bis heute nicht gefunden.

Bei Sonnenuntergang in einem Restaurant am Seeufer zu sitzen und sich ein saftiges Lama-Steak mit andinen Kartöffelchen munden zu lassen, gehört nach einer anstrengenden Altiplano-Reise zum höchsten der Gefühle. Vergessen Sie danach nicht den obligatorischen, die Sinne erregenden Koka-Tee. Aber nicht im modernen Teebeutel - stilgerecht, auf jahrhundertealte Art der Indios, mit den echten Koka-Blättern, por favor!

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