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2010-02-27 / Alumni Uni
Würzburg
MICHAELA THIEL
Alumni
im Porträt: Dr. Daniel Veith
[Ungekürzte Originalversion des Interviews]
Alumnus Daniel Veith hat einen Roman geschrieben, zeichnet und
fotografiert auf professioneller Ebene, reist an entlegene Ecken der
Erde, realisiert ein Theaterprojekt, veröffentlicht
Fachliteratur, schreibt für SZ, FAZ und Spiegel - das
Alumni-Büro fragt u.a., wie das alles zusammen funktioniert!
Herr Dr. Veith, Sie haben in
Würzburg Romanistik, Germanistik und Kunstgeschichte studiert.
Wieso haben Sie sich für ein Studium und eine Promotion an der
Uni Würzburg entschieden?
Mein ursprünglicher Plan war eigentlich, das komplette Studium
im Ausland zu absolvieren: Von einem Leben in Italien träumte
ich schon seit meiner Kindheit. Da ich aus Tauberbischofsheim stamme,
fuhr ich in den letzten Monaten vor dem Abitur mehrmals nach
Würzburg, um mich bei verschiedenen Professoren über
die Studienmöglichkeiten zwischen Venedig, Rom und Palermo zu
informieren. Mir wurde angeraten, zuerst einmal in Deutschland zu
beginnen und dann später mit Austauschprogrammen und
Stipendien nach Italien zu gehen. Die Strategie überzeugte
mich, und so schrieb ich mich 2001 für ein Magisterstudium an
der Universität Würzburg ein. Als ich dann aber
feststellte, dass ich nach drei Semestern bereits scheinfrei war,
jedoch aus bürokratischen Gründen noch nicht zur
Abschlussprüfung zugelassen werden konnte,
überbrückte ich die Wartezeit mit einem vom DAAD
finanzierten Aufenthalt in Chile (aufgrund privater und akademischer
Kontakte, die ich auf verschiedenen Südamerika-Reisen
knüpfen konnte, war mir Chile in diesem Lebensabschnitt
näher als Italien). Zurück in Deutschland, schrieb
ich in ein paar Wochen meine Magisterarbeit, verbrachte die Monate bis
zur mündlichen Prüfung mit Erasmus in Neapel (nun
doch noch Italien) und erhielt schliesslich meinen Magistergrad im
fünften Fachsemester. Gleich darauf wollte ich den Doktor
nachschieben (eine soziolinguistische Studie über italienische
Sprachminderheiten in Argentinien), aber auch hier blieb ich wieder im
deutschen Paragraphendschungel hängen: Für ein
Promotionsstipendium des DAAD benötigte ich die
Magisterurkunde, und bis ich das Stipendium hätte antreten
können, wäre wieder ein gutes halbes Jahr
verstrichen. Ich packte also erneut meine Koffer und reiste nach
Brasilien, wo ich an einer Universität Deutschkurse anbot.
2005 brach ich dann schliesslich nach Buenos Aires auf. Auch als
Promovend blieb ich Würzburg treu, da ich in meinem
Doktorvater, Prof. Dr. Wilhelm Pötters, den idealen Betreuer
gefunden hatte, der mir den für mich äusserst
wichtigen geistigen Freiraum, völlige
Selbstständigkeit und Entscheidungsfreiheit bei meinem
Forschungsvorhaben liess.
Heute arbeiten Sie in Salamanca als
Dozent an der Universität. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Würzburg ist nicht nur Partnerstadt von Salamanca, sondern
arbeitet auch auf akademischer Ebene eng zusammen: Abgesehen von
zahlreichen Erasmus-Stipendien gibt es seit vielen Jahren einen festen
Dozentenaustausch: Ein Absolvent der Würzburger Romanistik
wird an die Philologische Fakultät der Universität
Salamanca berufen, um die dortigen Kollegen bei der deutschen
Sprachausbildung zu unterstützen, andererseits kommt ein
Salmantiner Germanist nach Würzburg und gibt Spanischkurse in
der Hispanistik. Als ich Mitte 2006 in Buenos Aires gerade beim
Kofferpacken für meine Rückkehr nach Deutschland war,
rief man mich aus Würzburg an und fragte, ob mir das Lektorat
in Salamanca gefallen würde. Ich stimmte natürlich
sofort zu.
Was verbindet Sie heute mit der
Universität Würzburg?
Zuerst einmal meine Stellenbezeichnung: In Salamanca bin ich der
"Würzburger Austauschlektor". Weiterhin pflege ich nach wie
vor regen Kontakt zu meinem Doktorvater und einigen Dozenten, die mein
Schnellstudium nicht belächelten, sondern wohlwollend
unterstützt haben. Alle paar Monate komme ich ausserdem nach
Würzburg, um in der Bibliothek für meine
Forschungsprojekte zu recherchieren; in keiner spanischen Institution
würde ich eine solche Unmenge an Fachliteratur wie in der UB
am Hubland finden.
Was unterscheidet Ihr Leben in Spanien
von Ihrem Leben in Deutschland?
Ein "Leben in Deutschland" liegt für mich schon weit
zurück, da ich seit 2003 fast durchgängig im Ausland
wohne. Trotzdem würde ich sagen, der Hauptunterschied zwischen
Deutschland und fast jedem anderen Staat der Welt ist, dass bei uns
alles beinahe schon zu perfekt und reibungslos funktioniert.
Für eine Person wie mich, die das Abenteuer liebt, passiert
gar nichts Unvorhergesehenes mehr, was ein bisschen Würze und
Aufruhr ins Leben bringt. Das ist in Lateinamerika und - in
abgeschwächter Form - in Südeuropa ganz anders. Hier
ist es durchaus noch möglich, eine deftige Prise Turbulenz im
Alltag auszukosten. Man ist sehr auf sich selbst gestellt, kann von
keinem wirkliche Hilfe erwarten. Arbeitsmoral und Fachkompetenz auch in
völlig unkomplizierten Angelegenheiten lassen meist sehr zu
wünschen übrig. Ich gebe zu, eine spanische Firma
würde ich mit meinen deutschen Prinzipien nicht verkraften.
Aber meine Tätigkeit an der Uni bewahrt mich
glücklicherweise vor solchen
Abhängigkeitsverhältnissen, so dass ich als stiller
Beobachter das Klein-Chaos um mich herum geniessen kann, ohne selbst
allzu stark in den Strudel hineingerissen zu werden.
Was fasziniert Sie an anderen Kulturen?
Jede Kultur und jede Sprache vermittelt eine eigene Weltanschauung.
Für mich ist es hochspannend, neue Kulturen kennen zu lernen,
mich in sie hineinzudenken, sie zu analysieren, sie im Lauf der Zeit zu
verstehen und mit anderen, mir bereits bekannten Kulturkreisen zu
vergleichen. Auf den ersten Blick seltsame Verhaltens- und Denkmuster
werden plötzlich begreiflich und lassen einen Parallelen zu
anderen, ähnlichen Charakteristika ziehen. Die Iberische
Halbinsel erschien mir besonders attraktiv, da ich zuvor drei Jahre in
Lateinamerika, also in den "Tochterstaaten" gelebt habe, und jetzt
bestimmte kulturelle Eigentümlichkeiten, die mir
früher in Chile, Brasilien oder Argentinien aufgefallen sind,
auf ihre spanischen und portugiesischen Ursprünge
zurückführen kann.
Herr Veith, Sie haben einen Roman
geschrieben, zeichnen und fotografieren professionell, reisen an
entlegene Ecken der Erde, machen ein Theaterprojekt,
veröffentlichen Fachliteratur, schreiben für SZ, FAZ
und Spiegel - wie kriegen Sie alle diese Sachen unter einen Hut?
Den Luxus der absoluten geistigen Freiheit kann man sich im Rahmen
einer normalen Beschäftigung eigentlich nur an einer
Universität leisten. Trotz meiner Lehrverpflichtungen arbeite
ich während der Vorlesungszeit an meinen Forschungsprojekten,
schreibe Bücher und Artikel (seit 2008 habe ich
fünfzehn Monographien und Lehrbücher
veröffentlicht), ferner gebe ich eine wissenschaftliche
Zeitschrift sowie eine Buchreihe im Peter-Lang-Verlag heraus, und im
Herbst 2009 habe ich mit einem spanischen Kollegen einen
Linguistenkongress in Salamanca organisiert. Auf der anderen Seite
bleibt mir Zeit für meine journalistischen und literarischen
Tätigkeiten, und in den langen Semesterferien bin ich stets
auf Reisen durch die Welt, sei es zur Recherche für meine
Reisereportagen und Diashows oder im Rahmen von soziolinguistischen und
kulturwissenschaftlichen Feldforschungen, etwa zu den deutschen
Kolonien in Südamerika.
Wie unterscheiden sich die spanischen
Studierenden - generell gesprochen - von den Deutschen?
Die spanischen Studenten sind unselbstständiger und zeigen
nicht unbedingt die Wissbegierde, die man von Hochschulstudierenden
erwarten sollte. Allerdings trifft das weniger auf die Studenten der
Germanistik zu, denn wer würde eine so schwierige Sprache wie
Deutsch lernen, wenn er nicht wirklich daran interessiert
wäre? Insofern habe ich durchweg sehr aufmerksame und
arbeitswillige Studenten, bei denen es Spass macht, Sprach- und
Grammatikkurse zu geben. Ich arbeite mit einer von mir selbst
entwickelten, speziell für spanische und lateinamerikanische
Hochschulsysteme konzipierten Methode, mit der ich etwa doppelt so
schnell wie konventionelle Sprachkursmodelle vorankomme. Für
dieses gesteigerte Unterrichtstempo ist natürlich ebenfalls
die Lernbereitschaft meiner Studenten von besonderer Wichtigkeit. Aber
der vergleichsweise höhere Aufwand hat doch einen gewissen
Erfolg: Etwa ein Viertel bis zu einem Drittel der Kursteilnehmer
schliesst mit der Note "sehr gut" ab.
Können Sie beschreiben, wie
(und ob) Ihr Studium Sie für Ihr späteres Berufsleben
vorbereitet hat.
Ich wollte schon immer im Ausland leben, entweder als Dozent an einer
Universität oder z.B. als Abgesandter einer kulturellen
Institution wie etwa dem Goethe-Institut, um so über ein
gesichertes festes Einkommen zu disponieren und zugleich meine
übrigen Aktivitäten entfalten zu können. Die
Fächerkombination Fremdsprache und Germanistik ist bei
diesbezüglichen Bewerbungen natürlich das
grösste Plus im Lebenslauf. Für den Sprachunterricht
brachte mir mein Studium allerdings wenig, da man sich Kompetenz als
Dozent für Deutsch als Fremdsprache (DaF) fast nur
über "Learning by doing" aneignen kann. In dem Fall hilft
nicht einmal ein spezieller DaF-Studiengang, denn dieser ist auf die
Situation in Deutschland zugeschnitten (Ausländer, die den
Eingliederungstest bestehen müssen). Eine Methode, die davon
ausgeht, dass der Deutschlerner keine Grammatikkenntnisse besitzt, ist
an einer spanischen Universität völlig fehl am Platz,
weil die spanischen Studenten von der Schule eine durchaus akzeptable
grammatische Basis mitbringen. Insofern muss man in Spanien ganz anders
an deutsche Sprachlehre herangehen als etwa in Deutschland, und eben
das lernt man nur, wenn man selbst bereits die Sprache im Gastland
unterrichtet.
Was würden Sie heute
Studierenden mit einem ähnlichen Berufswunsch empfehlen?
Genauso studieren, wie ich es gemacht habe. Mit meiner
Fächerkombination hat man beste Chancen, Stipendien
für Auslandsaufenthalte zugesprochen zu bekommen und danach
mit relativ großer Wahrscheinlichkeit tatsächlich in
einer fremden Kultur leben und arbeiten zu dürfen. Wer zudem
mit einer Karriere als freier Journalist liebäugelt, muss dank
des Festgehalts nicht immer von Honorar zu Honorar rennen, um das
Überleben zu sichern, sondern kann seine Artikel und
Reportagen in aller Ruhe und ohne finanziellen Stress schreiben. Aber
auch Studenten mit weniger international ausgerichteten Lebenszielen
möchte ich wärmstens empfehlen, wenigstens ein
Semester fern der Heimat zu verbringen. Was man in nur einem Monat an
praktischer Lebenserfahrung in einem anderen Land sammelt, kann das
gesamte Studium in Deutschland nicht bieten.
Das Interview wurde auf der Alumni-Homepage der Universität
Würzburg publiziert:
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