|
2008-10-28 / Tauber-Zeitung
ULRICH FEUERSTEIN
Flaneur
zwischen zwei Welten
"Forum MGG": Ein ethnographischer
Zickzackflug beim Vortrag mit Daniel Veith
Er ist ein Flaneur zwischen zwei Welten und bekennender
Lateinamerika-Enthusiast. Daniel Veith, Lektor für Deutsche
Sprache an der Universität Salamanca, hat Spanien, Portugal
und Südamerika bereist.
In der Aula des Matthias-Grünewald-Gymnasiums unternahm er
einen Kulturvergleich in Bildern. Der Vortrag, der in Zusammenarbeit
mit dem Kunstverein stattfand, bildete den Auftakt einer neuen
Veranstaltungsreihe unter dem Motto "Forum MGG".
Als "Plattform für Begegnungen" wollte der neue Schulleiter
Josef Münster das Matthias-Grünewald- Gymnasium
verstanden wissen. Es soll seinen Angaben zufolge als Forum dienen, auf
dem Künstler, Personen und Generationen in einen kreativen
Austausch treten.
Daniel Veith, selbst Absolvent der traditionsreichen Bildungsanstalt,
startete seinen Streifzug zwischen den Kulturen der Iberischen
Halbinsel und Lateinamerikas in Salamanca. In der "Perle der
Renaissance und des Barock" ist er seit Januar 2007 Lektor an der
Abteilung für Germanistik der Philologischen Abteilung. "Hier
ist es eine Lust zu arbeiten", befand Veith. Kein Wunder, ist sein
Arbeitsplatz im alten Universitätsinternat untergebracht, mit
Blick auf architektonische Prachtbauten.
Salamanca vereine, so Veith, kosmopolitisches Ambiente und
Kleinstadtcharme. Eine besondere Quelle der Inspiration sei die
höchste Konzentration junger lateinamerikanischer
Intellektueller in Spanien. Als "soziologische Antithese" bezeichnete
Veith die Landeshauptstadt Madrid. Hinter der schillernden Fassade der
Großstadtmetropole verberge sich ein latenter Rassismus
gegenüber Einwanderern. Nächste Station auf Veiths
ethnographischem Zickzackflug durch die iber(oamerikan)ische Welt war
Buenos Aires. Die Hauptstadt Argentiniens nannte er den "Inbegriff
europäisch inspirierter Zivilisation". Ein Ruf, der auch auf
den hohen Anteil italienischer Einwanderer
zurückzuführen ist.
Ein Abstecher galt deutschen Gemeinden im Süden Brasiliens.
Blumenau ist berühmt für das nach München
größte Oktoberfest der Welt. In Rolandia findet sich
ein Bremer Roland unter Palmen.
Neben kulturellen Aspekten beschäftigte Daniel Veith sich auch
mitwirtschaftlichen Sachverhalten. Dem Süden Brasiliens
bescheinigte er einen hohen Entwicklungsstand im Gegensatz zu dem von
Armut und Korruption geprägten Norden. Während die
Megalopolis São Paulo ein Drittel der Wirtschaftkraft
Brasiliens erziele, sei der Norden geprägt von feudalistischen
Strukturen aus der Kolonialzeit mit totalitär herrschenden
Großgrundbesitzern.
Mit einem Vorurteil räumte er auf: Nachts herrsche in den
Städten keineswegs großer Trubel. Das
erhöhte Sicherheitsrisiko habe ein beschränktes
Nachtleben zur Folge. Angesichts der zahlreichen Probleme, die die
Länder Südamerikas allen wirtschaftlichen Erfolgen
zum Trotz immer noch haben, forderte Veith eine ethische Revolution,
die Gewalt, Misswirtschaft, Korruption und Nepotismus ein Ende bereite.
Argentinien sei ein Beispiel dafür, wie eine
Militärjunta auf friedlichem Weg gestürzt und ein
Demokratisierungsprozess eingeleitet werden könne.
FOTO: Kenner
der Iberischen Halbinsel und Lateinamerikas: Dr. Daniel Veith.
|