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2004-01-24
/ Tauber-Zeitung
HEIKE VON BRANDENSTEIN
Cocoliche
oder: den Italienern auf der Spur
Von den Erfahrungen eines Tauberbischofsheimer Bildungsreisenden in
Südamerika
Romanistikstudent Daniel Veith schreibt Magisterarbeit über
Emigrantensprache
Die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus, die Augen blitzen bei der
Erinnerung an die vielen Erlebnisse. Kurz vor Weihnachten ist Daniel
Veith (23) von seinem gut halbjährigen Aufenthalt aus
Südamerika zurückgekehrt und schreibt jetzt eben mal
so in einer knappen Handvoll Wochen seine Magisterarbeit zusammen.
"Cocoliche - Italienisch am Río de la Plata" lautet das
Thema des jungen Romanisten.
Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat dem
Tauberbischofsheimer ein Semesterstipendium an der Universidad de Chile
in Santiago ermöglicht. Im März des vergangenen
Jahres ging es los. Neugierig war Veith, der zuvor schon seinen Platz
in einem Kolping-Wohnheim in Santiago sicher hatte, auf das, was ihn
erwartete. Und alles andere als enttäuscht sollte er
zurückkehren. Wenn der Romanistikstudent an der
Würzburger Fakultät, der in den Nebenfächern
Kunstgeschichte und Germanistik belegt hat, von der akademischen Lehre
in Chile erzählt, hört sich das in der Tat so an, als
spräche er von einer Schule zu Beginn des vergangenen
Jahrhunderts: Der Professor erzählt, wirft Bilder an die Wand
und die Studenten schreiben alles brav mit, um es dann für die
Prüfungen auswendig zu lernen. Eigenständiges Lernen
finde nicht statt, so Veith.
Den Professoren, die nahezu ausnahmslos in Europa und viele gar in
Deutschland studiert haben, bescheinigt er allerdings eine ebenso gute
wissenschaftliche Qualifikation wie hier zu Lande. In einigen
Seminaren, erinnert sich Veith, habe er gar eine Art Privatunterricht
genossen, weil er manchmal der einzige anwesende Student war. Viel
erfuhr er dann in Gesprächen über das, was ihn
brennend interessiert: Die vergleichende Sprachwissenschaft.
Da geht es um verschluckte Endungen, um Vokalismus und Konsonantismus,
um Dialekte und Rudimente aus anderen Sprachen. All das ist
für Daniel Veith ungeheuer spannend. Durch die anderen
Studenten mit unterschiedlicher Herkunft hatte er auch gleich
praktische Beispiele vor Augen, verfeinerte sein Gehör und
seine eigenen Sprachkenntnisse. Darüber hinaus gewann er viele
neue Freunde und Kontakte, die ihm weitere Aufenthalte in
Südamerika ermöglichen werden.
Um Cocoliche, einer zwischen 1870 und 1930 entstandene
Emigrantensprache aus italienisch beeinflusstem Spanisch,
kümmerte sich Veith intensiv bei seinem Aufenthalt in
Argentinien im Oktober. Insgesamt drei Millionen Italiener, meist
einfacher Herkunft, waren während der großen
europäischen Auswanderungswelle nach Argentinien gekommen. Das
Phänomen Cocoliche stelle eine Übergangssprache
während der Einwanderungszeit dar, erläutert Veith.
In seiner Magisterarbeit wolle er diese Sprache beschreiben und
italienische Reste im Spanischen herausarbeiten. In seiner bereits
geplanten Dissertation soll es dann um die Soziolinguistik gehen.
Hatte die Wissenschaft im ersten Teil des
Südamerikaaufenthalts im Mittelpunkt gestanden, bildete eine
ausgiebige Reise den Schwerpunkt des zweiten Teils. Patagonien kannte
er schon, und so ging es dieses Mal in den Westen und Norden: Bolivien,
Peru und Ecuador hatten sich Daniel Veith und sein angereister Freund
Hans-Christian Landstorfer als Ziele vorgenommen. Trotz akribischer
Vorbereitung passierte immer wieder Unvorhergesehenes:
Einreiseschwierigkeiten von Bolivien nach Peru etwa oder eine Autopanne
am riesigen Salzsee von Uyuni. Und dann sind da noch die Erfahrungen
bei denen die Deutschen die restlos andere Mentalität der
Südamerikaner hautnah zu spüren bekamen. Nichts
nämlich geht trotz Zusage flott, immer heißt es
warten und nochmals warten.
Dennoch haben die Beiden die "Zeitreise um 500 Jahre zurück",
wie Daniel Veith sagt, restlos genossen: Indiodörfer und
Amazonasdschungel, die chilenische Wüste Atacama und die
5400-Meter-Erfahrung in den Anden, den gigantisch großen
Titicaca-See und die gefährlichste Straße der Welt
vom bolivianischen Hochland ins nördliche Tiefland. Nur von
Peru war Daniel Veith enttäuscht. "Ich bin noch nie so
beschissen worden wie da", meint er. Touristennepp an jeder Ecke und
penetrante Bettelei lautet sein negatives Peru-Resümee.
Begeistert hat ihn die selbstverständliche Gastfreundschaft in
Südamerika und die unbeschwerte Fröhlichkeit trotz
sichtlicher Armut. Er wurde zu Festen und Feiern eingeladen und
übernachtete bei eigentlich fremden Menschen. Die Architektur
in der bolivianischen Kolonialstadt Sucre hat ihn ebenso fasziniert wie
Valparaíso an der chilenischen Küste, das er als
eine der schönsten Städte bezeichnete, "obwohl es in
jeder Gasse anders stinkt."
Ein Erlebnis der eher komischen Art hatte er bei einem
einwöchigen Aufenthalt in Argentinien: Eine Frau, die er im
Bus kennen gelernt hatte und die überaus deutschlandbegeistert
ist, lud ihn kurzerhand in ihre Familie ein. In der Wohnung bekam er
dann nicht argentinischen Tango sondern deutsche Volksmusik zu
hören.
Daniel Veith vor Machu Picchu, der
weltbekannten Ruinenstätte in Peru. 18 000 km ist der
Tauberbischofsheimer im Anschluss an sein einsemestriges Studium an der
Universität von Santiago de Chile durch Südamerika
gereist.
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| Hier können Sie einen
ausführlichen Lebenslauf von Daniel Veith im PDF-Format
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