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Theaterkritik
zu "Leonce und Lena"
Amateur-Inszenierung
zu Georg Büchners Lustspiel in der Werkstattbühne in
Würzburg (01.07.2002)
Wenn zur Hochzeit
Hasen hoppeln
Regisseur Thomas
Lazarus präsentiert in der Werkstattbühne eine
gelungene Amateur-Inszenierung von Georg Büchners Lustspiel
"Leonce und Lena"
Prinz Leonce vom Reiche Popo soll
mit Prinzessin Lena vom Reiche Pipi vermählt werden. Beide
beschließen, vor der Heirat zu fliehen. Auf der Flucht
treffen sie sich, verlieben sich natürlich, um sich erst bei
der unvermeidlichen Hochzeit zu erkennen.
An und für sich nicht gerade originell, das Stück von
Georg Büchner, jener vielgerühmten
Ausnahmeerscheinung der deutschen Literatur, welche 1832 mit nur
dreiundzwanzig Jahren der Typhus so tragisch hinwegraffte. Eine
rührselige Romanze, die zumeist als "Perle deutscher
Komödienkunst" gerühmt wird. Manch einer sucht beim
Lesen vergeblich die Perle, im Würzburger Amateurtheater
"Werkstattbühne" wird er sie sicherlich finden. Tausendundeine
Realisierungsmöglichkeit kann man in das Stück
hineininterpretieren; Regisseur Thomas Lazarus wählte
für seine Inszenierung die vielleicht vertretbarste: die
komödiantisch-parodistische.
Zu klein ist der Zuschauerraum, viel zu klein, um die nicht abebben
wollende Flut des interessierten Würzburger Theaterpublikums
zu bändigen. Bis zur allerletzten Sekunde wird jedes
verfügbare Sitzmöbel in das umfunktionierte
Kellergewölbe gepfropft. Kein Wunder, dass sich etwa sechzig
menschliche Heizöfen nicht unbedingt einträglich auf
das Raumklima auswirken: hundeschwül, sauer-stoffarm und
schweißtreibend ist es.
Was jedoch niemand vom Lachen abhalten soll, als endlich die zwei
Quadratmeter Bühnenvorhang zur Seite gezupft werden: Zu
harlekinadiger Hintergrundmusik wird ein nörgeliger Opa mit
Bierbauch und Pappkrone auf dem Kahlschädel (aha - wohl
König Peter, Leonces Vater) von drei mechanisch sich
bewegenden Eierquirls umschwirrt (hyperaktive Hofdiener, sehr gut),
eine engelshaarige Jungmaid räkelt sich rhythmisch auf einer
kleinen Drehbühne (wer ist das wohl?), und ein unkoordiniert
auf der Bühne herumhampelnder jugendlicher Hanswurst
(wahrscheinlich Leonce) vervollständigt das Chaos. Das Ganze
zur farbenfrohen Kostümierung von Olga Backmund und Ilka
Unsölds Schminkkünsten.
Hat insgesamt irgendwie Anklänge ans Kasperltheater, und
König Peter wirkt wie die männlich-dämliche
Ausgabe der bösen Königin aus Alice im Wunderland.
Das Publikum ist sichtlich amüsiert. Und so wie die
Inszenierung voranschreitet, scheint's den Zuschauern dem
Gelächter zufolge immer besser zu gefallen.
Kindertag in der Werkstattbühne. Thomas Lazarus bietet eine
satirische Parodie auf die Hofwelt, er setzt das stereotype
Hofzeremoniell symbolisch einer Spieluhr gleich. Das Ganze zu absurder,
bisweilen ins Pantomimische gehender Clowns-Ästhetik und
wundervoll tänzerisch-verfremdenden Balletteinlagen. Nicht
weniger erfreulich, dass Lazarus das Büchner’sche
Original nur mit unbedeutenden Kürzungen übernommen
hat, lediglich Hofstaat und Staatsrat wurden auf drei Charaktere
komprimiert.
Vielleicht unbeabsichtigt zur Hauptfigur der Inszenierung avancierte
Leonces Faulenzer-Kumpel Valerio, im zweiten Leben Frank
Müller, der den zeitgenössischen Prototyp des
langlockigen Motorrad-Proletariers verkörpert. Kompliment an
ihn, sich als Amateur dermaßen selbstbewusst und keck vor ein
Publikum zu stellen und lauthals in schlaksigem Goofy-Habitus coole
Sprüche abzulassen. Allerdings neigt Frank Müller
dazu, sich seines quengeligröhrigen Stimmorgans und seiner
überschwänglichen Gestik etwas zu
großspurig zu bedienen, was gelegentlich sein Schauspiel
etwas künstlich und überspitzt wirken lässt.
Leonce alias Thomas Hendel zeigt solide Bühnenkunst und
fröhliches Stirnrunzeln unter seiner zentimeterdicken
Hampelmann-Schminke, schreitet mit weitaufgerissenen Augen und sehr
gebärdenreicher Körpersprache über die
Bühne und hält bewegende Monologe, reißt
aber insgesamt betrachtet nicht wirklich vom Hocker.
Nicht minder Katharina Popp als Lena, die zwar das
zuckersüße Maidelein mit leuchtenden
Äuglein und goldigstem Wimperngeklimper mimt und so
jugendlich-unverdorben und pathetisch den kostbaren Leoncie-Schatz
anbetet, aber ihrer Rolle leider auch nicht weit mehr gestalterische
Tiefe zu verleihen vermag.
Grandios dagegen Manfred Plagens in der Rolle König Peters,
echt himmelschreiend, mit welch bestechender Komik er sich als senile
Obernulpe entfaltet, ein unangenehm-penetranter Fettwanst mit
starrsinnigem Blick und schrulligen Grimassen, dem man am liebsten
sofort den Tritt verpassen würde.
Sehr ansprechend-grillenhaft auch das synchron agierende Trottel-Trio
männlicher Harpyien in Strumpfhosen und Zopfperücken
(Hubertus Grehn, Thorsten Nübling, Oliver Stettes), die
entweder als holzgelenkige Hofdiener auftreten oder mit
krächzenden Stimmen die drei grüblerisch-zerstreuten
Kamele vom Staatsrat darbieten. Hubertus Grehn und Oliver Stettes
übernehmen später mit ebenso groteskem Mienenspiel
Gastrollen als Landrat bzw. Schulmeister sowie als Polizeidiener im
Wachtmeister-Dimpfelmoser-Look.
Leonces ehemalige Mätresse Rosetta, der Michaela Lindner ihren
Körper lieh, überzeugt wenig. Sie spielt eine
automatisierte Spieluhrenfigur und auch wirklich nicht mehr. Ihr Text
wirkt ein wenig heruntergeleiert, ebenso die
verhältnismäßig schwache Gesangseinlage.
Julia Henning schließlich versucht sich als Gouvernante
Lenas. Verkleidet als Wichteltante mit grünem Wichtelhut und
grüner Wichteljoppe, folgt sie Lena auf Schritt und Tritt,
jedoch verbietet ihr die minimale Rolle, besondere Akzente in ihrem
Auftritt zu setzen.
Allen Darstellern gemeinsam ist jedoch eine ausgezeichnete
Sprechtechnik, von der sich manch professionelle
Theatergröße eine dicke Scheibe abschneiden
könnte.
Das an ein Puppentheater erinnernde Bühnenbild unterstreicht
Lazarus' ironisierendes Regiekonzept und demonstriert zudem, wie Markus
Czygan und Florian Neubauer selbst aus Sperrmüll noch eine
anständige Theaterdekoration zusammenbasteln können:
ausrangierte, rotgetünchte Bilderrahmen werden wahllos
über die poppig-gelbe Bühnenrückwand
drapiert, einen alten Holzstuhl verwandeln sie mit güldenem
Anstrich zum Königsthron.
Herzallerliebst dann später auf Leonces und Valerios Flucht
Richtung Italien diese putzigen Schäfchenwölkchen vor
babyblauem Himmelsvorhang, und natürlich darf auch das
harmonische Vogelgezwitscher nicht fehlen. Bei der nächtlichen
Fast-Eskapade zwischen Leonce und Lena unter einem Sternhimmel aus
Punktstrahlern zirpen sogar die Grillen aus der Konserve.
Die übrigen Musikeinspielungen stammen von Stephan Vidi, der
den "Soundtrack" aus tölpelig-rhythmischem Violingequietsche,
flotten Trompetenläufen und Gitarrengezupfe eigens
für diese Inszenierung komponierte.
Großes Lob verdient die raffinierte Ausnutzung des gesamten
Zuschauerraums für die Darbietung, eine ideale Antwort auf die
notorische Raumnot des Theaterkellerchens: Lena und ihre Gouvernante
erscheinen plötzlich an einem Fenster links hinten im
Auditorium, Leonce und Valerio betreten den Raum manchmal durch den
Zuschauereingang. Nahezu schon Happening-Charakter hatte dann der
höchst gelungene Gag am Ende der Pause, als plötzlich
Landrat und Schulmeister auf der Eingangstreppe stehen und das
erstaunte Publikum zu gemeinsamen "Vivat"-Rufen animieren.
Noch übersteigerter, noch ironisch-überspannter
gestaltet sich schließlich das Finale. Ein Drunter und
Drüber im Puppenhaus, nachdem Leonce und Lena als maskierte
Marionetten ein wenig auf der Bühne zappeln durften, und sich
nach ihrer Demaskierung endlich erkennen und in die Arme
schließen; Rosetta auf der Kinderschaukel streut Blumen,
Leonce ist fröhlich, Lena ist fröhlich, Valerio
springt fast an die Decke, König Peter dankt
glückselig ab, und die Hofdiener tollen zur Krönung
der Inszenierung als spätpubertäre Pseudo-Karnickel
durch den Thronsaal.
Büchners "Leonce und Lena" - eine tiefgründige Satire
auf die politischen und sozialen Missstände seiner Zeit?
Wenn’s sein muss. Ein facettenreicher Komödienorkan
in der Werkstattbühne ist es auf jeden Fall. Freuen Sie sich
auf die Hoppelhasen. Herzliche Lacher garantiert.
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