|
Laudatio
- Martin Perscheid
Vernissage
zur Ausstellung des Cartoonisten im "Engel-Saal" in Tauberbischofsheim
(21.06.2002)
Wenn man zum Piranha-Fischen
seelenruhig den Finger ins Wasser steckt, wenn der Herrgott bisweilen
unschuldige Autofahrer zum Gameboy-Spielen missbraucht, wenn es der
Pyramiden von Gizeh nur zwei gibt, die sich dann als gigantische
Brüste einer monumentalen Liegefigur der Pharaonenzeit
entpuppen - dann sind wir im Reiche Martin Perscheids.
Schon beim ersten Bild wird es Ihnen unweigerlich das Auge ausstechen -
Martin Perscheid, der 1966 in Köln geborene Spezialist der
sarkastischen Cartoongroteske, brüskiert als
nimmermüde Kanone der politischen Unkorrektheit alle und
jeden: Alzheimer, Behinderte, Christ-Kanaken - das ganze ABC der
Bosheit und Impertinenz wird gnadenlos und mit nie versiegender
Schamlosigkeit bis zum allerletzten Buchstaben auseinandergehackt.
Bitterböse und erzgemein sind seine Cartoon-Schocker, mit dem
tiefschwärzesten aller Humore wischt er dem etablierten
Spießbürgertum eins aus, wo er nur kann; nicht das
kleinste Fettnäpfchen ist ihm zu schade.
Seien es klare Stellungnahmen zur Überflüssigkeit
jener zeugenden Sekte im Schatten des Wachturms (sie und andere
Weltuntergangsapostel landen da schon mal als menschliche Pfannkuchen
unter der Dampfwalze), seien es kritische Gedanken zu Plateau-BHs oder
die hämische Zurschaustellung weiblichen Unvermögens
hinter dem Steuer. Im Gegenzug hetzt er jedoch auch mit gnadenlosen
Affirmationen männlicher Impotenz - zumindest in geistiger
Hinsicht -, wo bisweilen die Kommode zur
Empfängnisverhütung herhalten muss.
Vom Zeichenstil her beschränkt sich Martin Perscheid auf das
Wesentliche, er überlädt seine Bilder nicht mit
Millionen von Details, unter denen dann der eigentliche Witz verloren
geht, nein, Martin Perscheid schwört auf graphischen
Minimalismus, er bringt den Gag auch - oder besser gerade -
zeichnerisch auf den ultimativen und äußersten
Punkt. Nüchtern, mit kräftig-konturierendem
Tuschefederstrich und mitunter locker akzentuierter Aquarellfarbgebung
wird die alle Normen und Werte verachtende Unsäglichkeit aufs
Papier geworfen.
Wie grausam-komisch inszeniert doch etwa jene exzellente Graukopf-Combo
bei der Laola-Welle im Seniorenzentrum. - Damit das Ganze noch
schneller von der Bühne geht und ein wenig mehr Action ins
Altenheim kommt, könnten wir die Rollstühle doch mal
kurz in die Exekutionskammer rüberschieben und jeden einzelnen
an das Stromkabel der Sonnenkollektoren anschließen: "Und
dann brauchen wir nur noch auf schönes Wetter hoffen."
Wie überaus ergötzlich, wenn man dann auf des
Künstlers Internetseite ausgesuchte kritische Kommentare
blasierter Zeitgenossen lesen darf:
Da schreibt doch tatsächlich einer jener Standpfeiler des
Seelenadels mit dem üblich-ausladenden Vokabular
philiströser Windbeutel und Moralapostel, die sich zu wichtig
vorkommen, "die Grenze jeglicher Publikumsverträglichkeit ende
dort, wo man sich in menschenverachtender Weise über
Behinderte und zum Tode verurteilte mokiert."
Eine sich selbst outende Emanze wertet Perscheids philosophische
Betrachtungen zum Frauenparkplatz als "klassische Diskriminierung im
Sinne des Gleichstellungsrechts".
Ein anderer eingerosteter Schaumschläger argumentiert,
"unabhängig von Fragen des Geschmacks würden die
Grenzen zwischenmenschlicher Toleranz deutlich verletzt".
Oh, welch Ignoranz und Engstirnigkeit dieser Welt! - Unfassbar.
Man fragt sich aber dann doch: Wie kann Martin Perscheid selbst mit
solcherlei Anfeindungen zurechtkommen? Lesen wir seine Stellungnahme im
Interview auf seiner Homepage: Der anonyme Frager dort nennt Perscheid
einen "unbestechlichen Beobachter kleiner Alltagskatastrophen, kurioser
Missverständnisse und Unbeholfenheiten aller Art" und fragt
dann, wer es aushalte, mit ihm zu Leben. - O-Ton Perscheid: "Spinnen,
Kakerlaken, Ratten."
Nun ja, wenn ich mich so umschaue - die Spinnen, Kakerlaken und Ratten
sind heute wohl alle zu Hause geblieben.
Meine Damen und Herren, ich lade Sie alle ganz herzlich ein, sich am
himmel-schreienden Weltenhohn dieses virtuosen Meisters des
"Sadocartoonismus" mit einem satanischen Teufelsgelächter zu
erbauen und mit einem Rundgang im Engelssaal in den bissig-absurden
Kosmos des Martin Perscheid einzutauchen, ein Kosmos, in dem selbst
Kondome zu Kaugummi verarbeitet werden - "Gummi-Recycling der Umwelt
wegen". Lernen Sie mehr über die Entstehung des
Kugelschreibers oder wie Hunde erstmals zur Jagd eingesetzt wurden,
schauen sie sich den Außenborder für Arme an oder
lachen sie über unsere betagteren Mitbürger, denen
gelegentlich der Airbag ganz übel mitspielt. Und zur
obligatorischen After-Show-Party können sie dann heute Abend
den frühen Versuch einer Techno-Party am eigenen Leib erproben.
Der Titel unserer Ausstellung lautet: "Wenn Deppen duschen." - Bei
Martin Perscheid duschen sie richtig.
|