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S wie "Salamanca"

Die spanische Stadt Salamanca ist
nicht nur Sitz einer der ältesten und angesehensten
Universitäten überhaupt, sondern hat auch - oder
gerade deshalb - die größte Kneipendichte Europas
und vielleicht sogar der ganzen Welt. Das gesamte historische Zentrum
ist ein einziges Partyviertel. Proportional auf die Einwohnerzahl
berechnet bietet Salamanca mehr als Montmartre, Tivoli, Soho und Sankt
Pauli zusammen.
Das spanische Nachtleben ist für den deutschen Geschmack
allerdings etwas gewöhnungsbedürftig: Man steht dicht
gedrängt in einer von düsteren Rauchschwaden
vernebelten Bar (theoretisch sind in Spanien alle öffentlichen
Einrichtungen seit dem EU-Paffverbot rauchfrei; praktisch ist es jedoch
genauso wie vorher, da jeder Hausherr in Eigenregie bestimmen darf, ob
er den Glimmstängelgebrauch zulässt oder verbietet),
die Musik zersichelt einem das Trommelfell, es ist zu laut zum
Plaudern, und tanzen geht erst recht nicht: Man 'kann' nicht, weil auf
der Tanzfläche alles vollsteht, und man 'will' auch nicht, da
nicht mal dort, wo ausreichend Parkett in jungfräulicher Leere
bereitstünde, jemand die Glieder schwingt. Kein Spanier tanzt
freiwillig. Deshalb mangelt es im ganzen Land an "richtigen" Discos;
selbst in den wenigen Lokalen mit klar und deutlich gekennzeichneter
Tanzfläche wird dieselbe ausschließlich dazu
genutzt, um noch genüsslicher ruck- und rhythmenlos
rumzustehen (Faustregel: Wer sich in Spanien nach dem Takt der Musik
bewegt, ist Ausländer).
An der merkwürdigen Feierkultur scheint es zu liegen, dass man
trotz des enormen Heers von Fiestafanatikern in Salamanca eigentlich
nie Spanier kennen lernt. Diese kreuzen immer
rudelmäßig in ihrem eigenen Freundeskreis auf, und
beim Trinken stehen sie so eng im Kreis, dass man als
Außenstehender nicht die geringste Chance hat. Das ist wohl
der Grund, warum man den "Botellón" erfunden hat. Als
"Große Flasche" wird das kollektive Vorsaufen zu Hause
bezeichnet. Zwischen zehn Uhr und Mitternacht trifft man sich in der WG
eines Freundes, lässt sich bis ein oder zwei Uhr mit selbst
mitgebrachtem Alkohol aus dem Supermarkt die Birne weichätzen
und tigert (oder torkelt) dann auf Piste. Bei einem Botellón
ist es nun wieder so, dass z.B. der Wiener Austauschstudent Hans Wurst
eingeladen wird,
der aber, ohne vorher den Gastgeber um Erlaubnis bitten zu
müssen, mit einer oder mehreren nur ihm bekannten Personen
auftauchen kann: Letztere sind dann, wenn sie sich nicht allzu unsozial
und plump anstellen, ebenfalls in die Gruppe integriert und werden zu
späteren Botellones erneut dazugerufen.
Hat man sich nach dem hausinternen Stimmungstanken ins Gewühl
der Partylöwen gestürzt - wer später kommt,
verabredet sich mit der Gruppe auf der Plaza Mayor "unter der Uhr", dem
Standardtreff in Salamanca -, quält einen nicht die Frage
"Wohin?", sondern "Wohin zuerst?". Anders als anderswo sind in
Salamanca alle Clubs kostenlos. Darum bleibt man selten an einem
einzigen Ort; man wechselt die Locations, und das mindestens dreimal
pro Nacht. Von den Schildern mit der Aufschrift "Eintritt 30 Euro", die
an manchen Eingangstüren prangen, darf man sich nicht
irritieren lassen. Das sind Taschenspielertricks schurkischer
Nachtclubinhaber, die auf diese Weise leichtgläubige
Ausländer, die weder Spanisch sprechen noch sich in Salamanca
auskennen (vor allem amerikanische Sprachschüler
während der Sommersemesterferien), über den Tresen zu
ziehen versuchen.
Ein kleiner Nachteil der Gratis-Eintritte ist, dass dafür die
Getränke sündhaft teuer sind: Bei einem 0,33er
Bierfläschchen blutet die Geldbörse etwa drei Euro.
Pichelprofis, die nicht im trauten Heim an der Flasche hängen
wollen, sondern prinzipiell nur auswärts die Leber
strapazieren, landen aber trotzdem nicht am Bettelstab: Da man als
Barbesitzer angesichts der verheerenden Konkurrenzlage von Salamanca
mit allen Mitteln um Kunden kämpfen muss, haben verschiedene
Schankstätten "Sauf-soviel-wie-du-willst"-Abende eingerichtet,
wo man für ein paar Groschen mehrere Stunden lang Freibier
und/oder -sangría (drei bis vier Euro) oder hochprozentigere
Drinks (z.B. Rum mit Cola; fünf bis sieben Euro) ohne Limit in
sich hineintrichtern kann. Ein Klassiker ist "Atahualpa", donnerstags
von dreiundzwanzig bis zwei Uhr: In ganz Salamanca gibt es an diesem
Tag keinen zweckdienlicheren Ort, wenn man eine an den Rand des
Abgrunds gesäuselte Brasilianerin erstürmen will.
Das ist übrigens eine typisch salmantinische Eigenheit, die
man im sonstigen Spanien weniger oder gar nicht kennt, nämlich
die Spezialisierung der Bars auf bestimmtes Klientel. Wo sich in
Cáceres, Madrid oder Bilbao die einzelnen Lokale l ediglich
in der Dekoration voneinander unterscheiden, einem aber im selben
Etablissement vom spätpubertären Gothic über
den pseudointellektuellen geheimratsbeeckten
Panzerbrillenträger bis hin zum lüsternen Altmolch
alle Alters- und Charakterklassen auf die Füße
treten, kann man sich in Salamanca sein Nachtprogramm nach Trinkertypen
gestalten. Teilweise werden telefonische Absprachen im Vorfeld
unnötig; man schaut etwa auf einen "Chupito" (Fuselmix in
Schnapsglasgröße) in Becherstube X vorbei, wo sich Y
zur Zeit Z normalerweise aufhält, und hat beste Chancen,
besagten Y tatsächlich dort anzutreffen.
Unterschiedlichste, in Kneipenform kondensierte Zechphilosophien reihen
sich in Höchstkonzentration an der Gran Vía, jener
schnurgeraden Prachtmeile, die im neunzehnten Jahrhundert
längs durch die Altstadt gekeilt wurde und heute als kraftvoll
pulsierende Aorta des Nachtschwärmerkosmos von Salamanca
angesehen wird. Genuin spanisches Publikum mit Flamenco-Pop
à la Melendi befeuchtet die Kehle im Viertel um das
Ursulinenkloster, die Erasmus-Liga rockt im "Camelot" (juhu,
ausnahmsweise englische Hits), "Irish Rover" (umfunktioniertes
Theater), "Cubic Club" (echte Disco mit elektronischer Musik) oder in
der "Posada de las Almas" (attraktives Interieur mit einer schummrig
von hinten beleuchteten Flaschenwand); Amerikaner bleiben ihren Wurzeln
treu und löten sich im "Holy Cross" (einem Irish Pub) unter
den Tisch...
Ist man als Nordeuropäer schon mal in südlichen
Gefilden und glaubt, man muss unbedingt urspanisch-stilechten Salsa
oder Merengue tanzen (was leider nicht stimmt, denn der
Durchschnittsspanier hasst südamerikanische Musik), kommt man
im "Savor" unter Garantie auf allerengsten Körperkontakt: Am
Wochenende platzt der Laden aus allen Minirocknähten vor
lauter Latinos, die mit ihrem unwiderstehlichen Hüftschwung
brünstige, vorzugsweise skandinavische Blondinen zum Rasen
bringen (zumindest versuchen sie das).
Wem diese Art von Ringelpiez zu rassig und schmachtlastig ist, beschert
seinen Ohren möglicherweise in den Straßen um die
Plaza San Justo die musikalische Glückseligkeit: Hier hat sich
die Heavy-Metal-Szene breitgemacht. Eine dröhnige
Rockhöhle überbietet die an dere
an übelschmuddeliger Oberversifftheit. Und wenn man
Kultgrüfte wie "Paniagua" oder "La Imprenta" betritt, braucht
man sich keinen Joint mehr zu drehen: Die Luft ist so dicke und
grasgeschwängert, dass man nach fünf Minuten
Passivriechen schon high ist.
Dermaßen aufgeputscht wird es Zeit für den Endspurt:
"Kandhavia" oder "Bisú", wo vor vier Uhr morgens (!) niemand
hingeht, und wo die partysüchtige Perversion erst kurz vor
Sonnenaufgang den Höhepunkt erreicht.
"Leonardo" ist zu guter Letzt das Stichwort für
Gierhälse, die um halb sieben ihre vom Alkohol gereizte
Verdauungsmechanik mit altem Bratfett in Form eines XXL-Hamburgers und
Fritten ölen müssen: Gleich fünf Filialen
dieser lokalen Fast-Food-Kette verteilen sich über Salamanca.
Billigeres Kraftfutter kriegt man im Vierundzwanzig-Stunden-Supermarkt
hinter der alten Stadtbibliothek, genügsameren Mägen
reicht ein belegtes Baguette oder ein Schokohörnchen vom
Imbiss-Kiosk an der Gran Vía. Wer noch ein oder zwei
Stündchen länger aushält, wankt
rüber zur Plaza Mayor; dort werden nämlich gerade die
Tische hinausgestellt, und man kann mit Augenringen groß wie
Autoreifen im wärmenden Morgenlicht dahinchillen und seinen
wohlverdienten Frühstückskaffee schlürfen.
(Erstveröffentlichung: "Der größte
Nachtclub der Welt", www.stern.de, 24. September 2008)
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