sachbuch
L wie "Latino"

Peruanisches Panflötengedudel in der U-Bahn. Kolumbianische Zettelverteiler in der Fußgängerzone. Straßenkehrer aus Ecuador. Argentinische Gratis-Schnaps Einlader vor den Bars und Discotheken. Brasilianische Huren auf der Gran Via...

In gewisser Hinsicht kann man Madrid als nördlichste Stadt Lateinamerikas bezeichnen. Hier gibt es proportional betrachtet mehr Latinos als Araber in Paris und Türken in Berlin. Menschen aus Bogotá, Buenos Aires und Belo Horizonte, Kinder des Slums und der Armenviertel. Allein aus Bolivien reisen täglich (!) fünfhundert Personen nach Spanien ein - die große Mehrheit illegal.

Der Weg ins gelobte Land ist gar nicht so weit und steinig, wie man sich vorstellen würde: Der unterprivilegierte Bolivianer aus dem hintersten Urwaldkaff im Beni-Becken kratzt oder stiehlt das Geld für das Ticket zusammen, lässt sich einen "pasaporte" ausstellen oder fälschen, setzt sich in La Paz oder Santa Cruz in eine klapprige Maschine von Lloyd Aereo Boliviano, und nach zwölf oder dreizehn Stunden Flug kassiert er in Barajas, dem Madrider Flughafen, seinen Einreisestempel: Willkommen in Europa! Ein Visum braucht man nicht; zu touristischen Zwecken darf sich nämlich jeder Latino ohne Sichtvermerk bis zu drei Monaten in der EU aufhalten. Der ganz kleine migrationstechnische Schönheitsfehler: Fast niemand kommt, um die Alhambra oder den Escorial zu besichtigen. Der durchschnittliche Pseudo-Urlauber aus Lateinamerika macht sich die Schlampigkeit der spanischen Einwanderungsbehörden zunutze, hüpft über die beinahe ebenerdigen Grenzhürden und taucht auf Nimmerwiedersehen als heimlicher Arbeitsasylant in der Peripherie der Hauptstadt unter.

Eine höchst prekäre Situation, könnte man annehmen. Nicht unbedingt; die meisten Spanier schauen zwar verächtlich auf die Latinos herab, stehen aber dem Zustrom gar nicht so missbilligend gegenüber, verrichten die geschmähten Wahlmitbürger aus der Dritten Welt doch all jene Tätigkeiten, für die sich Madrilenen, Kastilier oder Katalanen generell zu schade sind, etwa als Handlanger auf dem Bau oder im Heer der Hilfsmüllmänner. Die Arbeitgeber reiben sich die lilienweißen Hände wund angesichts der Völkerwanderung aus Übersee, da die unerlaubten Lohndiener aus Lama-Land mit einer viel niedrigeren Vergütung und weitaus schlechteren Konditionen als die eigenen Landsleute zufrieden sind.

Im letzten Abschlussexamen ließ ich meine Studenten einen Aufsatz über die Vor- und Nachteile der Immigration schreiben. Bemerkenswert war, dass viele grundsätzlich die widerrechtliche Einwanderung ablehnten, aber ausdrücklich darauf hinwiesen, dass die Spanier ja vor nicht allzu langer Zeit ebenfalls aus Armut als "Gastarbeiter" in den reicheren Ländern Europas Zuflucht gesucht hatten und insofern eigentlich gar nicht allzu laut und überheblich die aktuelle Lage in Spanien verurteilen dürften.

Freilich leiden unter der Sturmflut der die Untiefen der Gesetze Umschiffenden auch diejenigen Lateinamerikaner, die sich ordnungsgemäß in Europa aufhalten: Verschiedene Betroffene haben mir berichtet, dass das soziale Klima in Madrid unerträglich sei. Selbst wenn man schon zehn Jahre im selben Viertel wohne, müsse man noch immer mit Diskriminierungen von Seiten der "Urspanier" rechnen. Habe man einen etwas dunkleren Teint und sehe "typisch latino" aus, werde man beim Betreten eines Geschäfts nicht selten als potentieller Dieb klassifiziert und könne davon ausgehen, dass sich einem der Sicherheitsmann an die Fersen leime und jede Handbewegung misstrauisch observiere. Ich habe sogar zwei Bekannte, die ursprünglich an der Complutense in Madrid studierten, aber vor einiger Zeit nach Salamanca umgezogen sind, weil sie den mehr oder weniger latenten Rassismus dort nicht mehr ausgehalten haben.

Dem gesellschaftlichen Ruin einfach per Ortswechsel auszuweichen - auf diese Idee kommen die meisten Latinos gar nicht, einerseits infolge chronischen Geldmangels und zum anderen - man muss es einmal klar und deutlich sagen - wegen oftmals fehlenden geistigen Fassungsvermögens. Wer selbst in Madrid keinen Hoffnungsschimmer in der ökonomischen Finsternis erspäht, tröstet sich im Schoß der Kriminalität: Straßengangs wie die "Latin Kings" terrorisieren die Bevölkerung, Wohnungseinbrüche und Autodiebstähle nehmen überhand, und die düstere Elite des Untergrunds operiert erfolgreich mit Drogen- und Menschenhandel. Ich kenne mehr Leute, die in Madrid ausgeraubt worden sind als in Südamerika. Ganz so aussichtslos und grotesk wie in São Paulo ist die Lage noch nicht, aber warten wir’s mal ab. Das nächste Flugzeug voll Glück suchender und optimistischer, aber in rasender Kürze übelst diskriminierter und gnadenlos diskreditierter Lateinamerikaner landet schon...

(Erstveröffentlichung: "Madrid = Lateinamerika?", www.stern.de, 22. März 2008)

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