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I wie "Inkelitsch"

Da kam plötzlich vom Himmel
her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und
erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen
ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen
ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist
erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der
Geist ihnen eingab. - Die einzigen, die damals nicht dabei waren,
müssen die Spanier gewesen sein.
Versuchen Sie mal, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen, mich
über die zentrale Vermittlung der Universität
Salamanca in meinem Büro anzurufen. Wer Spanien kennt, wird
die englische Sprachkompetenz der Telefonistin nur mit dem
allernötigsten Mindestvokabular herausfordern: "Hallo, Daniel
Veith, please."
"Äää?"
"Daniel Veith."
"No entiendo."
"Daniel Veith!" Auf Englisch - "Inkelitsch" nach spanischer Aussprache
- buchstabiert: "V, E, I, T, H." (Ätsch, buchstabieren kann
die Telefonistin erst recht nicht.)
Jetzt kann zweierlei passieren: a) Die Telefonistin legt einfach auf.
b) Die Telefonistin verbindet mit der falschen Person.
Ist man - sollte völlig unerwartet Fall b) eintreten -
zufällig bei einem Professor gelandet, wird einen dieser
allerhöflichst darauf hinweisen, dass man nicht Mister Veith
an der Strippe habe, und dass man es doch noch einmal bei der Zentrale
versuchen möchte. Der Hochschuldozent spricht durchaus
Englisch; selbstverständlich gibt es auch in Spanien Menschen,
die vom Segen der Mehrsprachigkeit gehört haben - anders als
in Nordeuropa aber eher nur in gebildeteren Schichten und unter den
Abgängern philologischer Studienfächer.
Nach dem dritten erfolglosen Versuch geben es die meisten Leute auf und
schreiben mir ein E-Mail. Manchmal werde ich auch gefragt, warum
Spanien mit dem Englischen auf Kriegszunge steht.
Einerseits liegt das natürlich an der kümmerlichen
Sprachausbildung in den Schulen; wenn schon der Lehrer voller
Überzeugung "Inkelitsch ise beri difikuult" sagt, ist es kein
Wunder, dass die Schüler nicht mit Oxford-Lorbeeren
bekränzt das Gymnasium verlassen.
Andererseits war Spanien in der Vergangenheit Mittelpunkt eines
Weltreichs, "wo die Sonne nicht unterging", und die glorreichen
Besitzer desselben haben sich sozusagen beinahe ein halbes Jahrtausend
lang ausgeruht, die Füße hochgelegt und die Kolonien
in Übersee für sie schuften lassen. Solche
angestaubten Überheblichkeiten scheinen sich in den
Köpfen vieler Spanier hartnäckig bis heute erhalten
zu haben, dass also kein Land besser ist als Spanien und keine Sprache
wichtiger als die spanische und dass man folglich überhaupt
keine andere Sprache zu lernen brauche.
Eine mögliche dritte, eine moderne Erklärung
wäre die Absenz der englischen Sprache in den Medien. Man
hört spanische Musik im Radio, im Fernsehen, in der Bar oder
Disco, und ausländische Kinofilme oder TV-Serien werden
sowieso immer synchronisiert. Dass dieser Umstand zumindest eine
Teilschuld an der Fremdsprachenignoranz der Spanier trägt,
wird plausibel, wenn man ein Ohr ins Nachbarland wirft: In Portugal, wo
amerikanische Produktionen im Originalton mit Untertiteln laufen,
sprechen die Menschen sogar auffallend gut Englisch.
Trotzdem sollte man - um zum Experiment mit der universitären
Vermittlungsdame zurückzukommen - eigentlich voraussetzen
können, dass ein für die meisten Nicht-Deutschen so
exotischer Name wie der meinige an einem Arbeitsplatz, wo alle anderen
Kollegen "González", "García" oder
"Fernández" heißen, auch in der Telefonzentrale
einmal hängen geblieben ist.
Ein kleines, entscheidendes Detail hat man allerdings nicht beachtet:
"Veith" wird zwar auf Deutsch wie "Fait" ausgesprochen, aber in Spanien
klingt das höchstens - sofern man jemand erwischt, der im
Englischunterricht über "Makedonald" und
"görl-frinte" hinausgekommen ist - wie englisch "fight". Um
bei einem Spanier eine Assoziation zu der Buchstabenfolge "V-e-i-t-h"
hervorzurufen, müsste man unter Beachtung der spanischen
Ausspracheregeln "Bäit" sagen.
Mit dieser kommunikativen Crux habe ich mich nach vier Jahren in der
sprachlichen Fremde mittlerweile abgefunden und zücke, wenn
ich irgendwo nach meinem Namen gefragt werde, entweder gleich den
Ausweis oder beginne zu buchstabieren.
Gewiss verstehe ich als Linguist, noch dazu mit dem Spezialgebiet
Sprachkontakt und obendrein mit dem Schwerpunkt Phonetik sehr gut und
ohne jegliche Einschränkungen, dass ein in einer Sprache
unbekannter Laut größte Schwierigkeiten bereitet.
Wie oft hört man etwa im Englischunterricht an deutschen
Schulen: "Sere are sri sinkers". Es leuchtet ein: Die deutsche Sprache
besitzt keinen "th"-Lispellaut, und bis auf ein paar artikulatorische
Glückspilze mit angeborenem Sprachfehler muss man den erst zum
vorhandenen Lautinventar dazulernen.
Das
in Deutschland als "typisch englisch" stigmatisierte, gelispelte "th"
kommt aber auch im Spanischen der Iberischen Halbinsel vor (z.B. das
"c" in "Barcelona" oder das "z" in "Ibiza" - nicht jedoch in
Lateinamerika, denn dort ist alles einheitlich "s"). Umso
amüsanter ist folgende Situation, die ich zu Beginn meiner
Zeit in Salamanca erlebt habe, als ich an einem Zeitungsstand eine
Prepaid-Karte für Ferngespräche nach Deutschland
kaufen wollte:
"Haben Sie die internationale Telefonkarte 'Thunder'?" ("Thunder" - mit
zungenspitzenliebkosendem, anglophilenverzückendem
"ti-äitsch").
"Äää? Was für'n Ding?"
Ich stutze; habe ich das "th" nicht richtig getroffen? Ich wiederhole,
mit ganz besonders wohltemperiertem "ti-äitsch", den Mann im
Kiosk fast vollspuckend: "Thhhhunder."
Der Verkäufer schaut mich verständnislos an.
Ich buchstabiere auf Spanisch: "T, H, U, N, D, E, R."
Der Zeitungsmann, aufklärendes Gesicht, begreifend, grinsend:
"Aaaah, 'Dunder' meinst du. Jetzt verstehe ich. Du hast das so komisch
ausgesprochen. Klar, die 'Dunder'-Karte, die hab' ich."
(Erstveröffentlichung: "Das versäumte Pfingstwunder",
www.stern.de, 23. Juni 2008)
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